Aufführungsfoto von „Eintritt auf eigene Gefahr“, Stückentwicklung von Grete Pagan am Jungen Ensemble Stuttgart. Ein Mann mit schwarzer Weste, weißem Hemd und Mütze schaut in einen Aktenordner, ein Mann und eine Fraz stehen daneben und gucken ihm über die Schulter.

Beobachtet unbeobachtet

Grete Pagan: Eintritt auf eigene Gefahr

Theater:Junges Ensemble Stuttgart, Premiere:28.03.2026 (UA)Regie:Grete Pagan

Alarm am Jungen Ensemble Stuttgart: „Eintritt auf eigene Gefahr“, die Stückentwicklung von Grete Pagan führt mit Witz und starkem Ensemble vor, wie Menschen in Ausnahmesituationen handeln und was Kinder tun, wenn sie sich unbeobachtet fühlen.

Wer kennt sie nicht, die rotweißen Absperrbänder, die Verbotenes signalisieren. Rotes Warnlicht blinkt, eine Sirene schrillt. Plötzlich hört es auf, schwillt von Neuem an: Was tun, wenn für den Fall eines wiederholten Alarms in der „Anleitung“ keine Anweisungen stehen? Wer übernimmt Verantwortung?

Was Grete Pagan am Jungen Ensemble Stuttgart mit „Eintritt auf eigene Gefahr. Eltern haften (nicht) für ihre Kinder“ verhandelt, ist der paradoxe Versuch, dem Spiel von Kindern auf die Spur zu kommen, die sich unbeobachtet und deshalb frei in ihrem Tun fühlen. Paradox wirkt es, weil in einem solchen Spiel vor Publikum zwar die Elemente eines solchen Spiels zum Vorschein kommen, aber die Spieler:innen doch zugleich vor einem Auditorium agieren, also beobachtet werden. Virtuos geht das Ensemble mit diesem Paradoxon um. Es gelingt, weil das Theater entlang eines roten Fadens die Möglichkeiten der „Farce“ nutzt, mit allen grotesken Übersteigerungen und absurden Zuspitzungen.

Anleitung ohne Anweisung

Beim Einlass nimmt Charlie Wyrsch in einer angedeuteten Feuerwehruniform (Kostüme: Michaela Brosch) dem Publikum die Eintrittskarten ab, um es in der Alarmsituation gegenüber den Mitspieler:innen, die das Publikum aus dem Raum geleiten möchten, vehement zu verteidigen. Adriana Fernandez Falso versteckt vor dem Publikum nicht, wie sie die Schalttafel entdeckt und den Alarm an- und ausschaltet. In ihrer Hektik merken die Anderen nicht deren Spiel. Sie versuchen sich hinter den Vorschriften zu verstecken, sich gegenseitig Verantwortung zuzuschieben. Gerd Ritter als der eigentliche Chef und Maximilian Schaible als derjenige, der die „Anleitung“ mit sich herumträgt, laufen dabei zur Hochform auf: Ein so hoch komödiantisches Duo habe ich lange nicht mehr auf der Bühne gesehen.

Aufführungsfoto von „Eintritt auf eigene Gefahr“, Stückentwicklung von Grete Pagan am Jungen Ensemble Stuttgart. Ein Mann ist von oben bis unten bepackt und behägt mit Absperrband, Absperrkette, Seil, einem Schild mit Regeln im Brandfall und einem Ordner vor dem Gesicht.

„Eintritt auf eigene Gefahr“, Stückentwicklung von Grete Pagan am Jungen Ensemble Stuttgart mit Gerd Ritter. Foto: Krisztina Figge

In den leeren Raum setzt Michaela Brosch an der Wand eine Schalt- und eine Sicherungstafel, im Spiel fällt eine Strickleiter herunter und auf der rechten Seite steht eine große Kiste auf. Aus dieser holt Adriana Fernandez Falso ein Drachenkostüm heraus, in dem sie bis zum Ende agiert. Sie spielt ihre Rolle leise und konsequent, wobei die Mitspieler:innen sie in ihrem So-Sein akzeptieren und die Verkleidung ignorieren. Gekonnt wird vorgeführt, wie vier ganz unterschiedliche Charaktere zusammenkommen und zusammenspielen können.

Drachen aus Papier

Wenn das Spiel auch übermütig überzuschäumen scheint, bleibt es doch auf die Grundsituation des Alarms bezogen. Nach der „Anleitung“ untersucht das Ensemble, ob zu viele Menschen im Raum sind oder ob ein Feuer ausgebrochen ist. Gegen Ende tauchen die Spieler:innen aus einem Kellerraum auf mit wunderbaren Drachen aus Papier. Ein neues Spiel beginnt im alten – wie im Kinderspiel. Die Farce kommt zu ihrem Recht: Erwachsene wie Kinder haben gleichermaßen Gefallen an der Leichtigkeit des Spiels, das in vielen Facetten ein Grundthema – wie verhalten sich Menschen in einer Alarmsituation – aufgreift. Viele weitere Sujets wie die Verantwortung für Andere, Achtsamkeit und andere mehr werden gestreift. David Pagan hat dazu eine eingängige Musik komponiert, die die Handlung vorantreibt.

Ganz ohne Zeigefinger wird das Publikum zum Lachen über die Wiedererkennung von Verhaltensweisen im Alltag von jungen und alten Menschen verführt. Ein starkes Ensemble, ein klares Gefühl für Timing, eine überzeugende Produktion.