Erzählt wird das alles aus Sicht der Frauen, den Männern hat Librettist Ben Kaye die randständigen Rollen zugedacht, hässliche Rollen: der Liebe vorgaukelnde Lockvogel Uri, der Sex mit Liebe verwechselnde Freier Gabriel (beide Partien gesungen von Rodrigo Porras Garulo) und der brutale Lude Viktor. Stephanos Tsirakoglou zeigt ihn als einen gönnerhaften Händler, der dem Markt nur das zuführt, was dieser verlangt. Und dafür die Hand aufhält.
Der Markt will Mädchen wie Anya, deren Bestürzung über ihr Schicksal aus jedem verscheuchten Blick, aus jeder Geste, aus jedem verzweifelten Ton von Anne Ellersiek aufblitzt. Er will auch Mädchen wie Natalia (Carolina Krogius), happy girls, vergewaltigt vom Vater, von Fremden mit zehn Jahren, mit zwölf abgeklärt auf dem Straßenstrich. Er will Mädchen wie die blinde Elena (Camila Ribero-Souza), zerschunden ihrem Dasein ergeben. Er will aber keine Mädchen wie Mila (Elif Aytekin), deren Körper zu offensichtlich leidet unter diesem Markt, als dass ein Freier Gefallen an ihm finden könnte. Die deshalb sterben muss, entsorgt wird.
Regisseurin Mareike Zimmermann lässt die vier Frauen in Nacktsuites auftreten, ähnlich Badeanzügen mit aufgenähten Brüsten und Pobacken. Das verfremdet, lässt die Szenen grotesk erscheinen. Der Sex ist in dieser bedrückend intensiven Inszenierung genauso hässlich, wie jene Männer, die damit ein Geschäft machen. Der Zuschauer kommt sich beim Blick auf Bühne wie ein Voyeur vor, der auf einen Container mit Spiegelfolie schaut, der mal reflektiert, mal den Blick auf die Szene frei gibt.
Was geschieht, doppelt sich in der Musik Gorbs, die Tritte und Schläge hörbar macht. Entsprechend opulent mit zwei Musikern am Schlagwerk ist die fünfzehnköpfige Hofkapelle unter Leitung des 1. Kapellmeisters Leo McFall besetzt. Sie führt – angereichert mit Zitaten – klanglich in zwei entgegengesetzte Sphären. Nach dem Auftakt mit Folkloreanleihen wandelt sie sich mit der Flucht gen Westen. Kommentiert sie die Glitzerwelt der Ware ironisch mit Broadway- und Jazzklängen. In der Partitur finden sich so Klischees, wie auch auf der Bühne reichlich Klischeebehaftetes zu sehen ist, das dennoch oder gerade deshalb berührt. Am Ende ein wenig Hoffnung für Anya. Mehr aber noch Betroffenheit nach all dem Schmerz, Blut, der Angst. Kein üblicher Opernabend.
_Weitere Aufführungen am 8./14. Dezember, 10. Januar, 8. Februar, jeweils 20 Uhr_
