Image

Jubiläum mit Industrie- und Laserzauber

Carl Maria von Weber: Der Freischütz (200 Jahre „Freischütz“)

MusiktheaterPremiere:  Theater: Konzerthaus Berlin
Regie: La Fura dels Baus  Musikalische Leitung: Christoph Eschenbach   Foto: Markus Werner   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Roland H. Dippel am 19.06.2021

In einem früheren Planungsstadium sollte sich der Jubiläums-„Freischütz“ unter interaktiver Beteiligung echten Publikums durch das ganze Konzerthaus Berlin spielen. Mit der ersten Dekade des am 26. Mai 1821 als Königliches Schauspielhaus eröffneten Gebäudes war Webers romantische Oper „Der Freischütz“ durch ihre drei Wochen später dort stattgefundene Uraufführung eng verknüpft. Ein populärer Stoff, der bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts auch in anderen Adaptionen und im Laientheater volle Häuser machte. Die Musik bewies sofort nachhaltige Ohrwurm-Qualitäten. Man könnte auch sagen: „Der Freischütz“ ist ein frühes Musical, für das Weber alle Szenen- und Nummernformen des zeitgenössischen Musiktheaters von 1815 aufgriff, den richtigen Riecher für das übersinnliche Sujet entwickelte und deshalb mit anerkannter Genialität aus dem Gewöhnlichen das Außergewöhnliche meißelte. Für die Propagierung der Nationaloper eines zu vereinenden Deutschlands konnte Webers Sohn Max, der kräftig an der „Freischütz“-Legende mitschrieb, mehr bewirken als der bereits 1826 verstorbene Komponist. Nach einer Aufführungsflaute im späten 20. Jahrhundert, während der man an der Relevanz der Bewährungskrise zwischen dem Segen von oben und teuflischen Mächten gezweifelt hatte, ist „Der Freischütz“ auf großen und kleinen Bühnen gut präsent – auch international. Von Accessoires wie Adlerfedern und Teufelshörnchen bleiben in jüngeren Inszenierungen, die man in Hotel-Lounges bei mafiösen Wirtschaftsbossen, in Eigenheimgärten oder Vintage-Wohnküchen ansiedelt, meist nur die Wunder wirkenden weißen Rosen. Dabei haben Intendanzen von Mexico City bis Jerewan weitaus weniger Bedenken gegen das legendenhafte Requisitarium als einheimische Theaterschaffende.

Über zwei Wochen wurde im Zuschauerraum des in der DDR vom Theater zum retro-klassizistischen Konzertraum umfunktionierten Kulturtempels für die einzige Vorstellung von „200 Jahre Freischütz“ am 18. Juni 2021 geprobt, die Bestuhlung entfernt, vom Perfomance-Kollektiv La Fura dels Baus eigens ein Kran aus Barcelona herbeigeschafft, Garderoben in den Foyers aufgebaut und mit prominenter Besetzung ein „Freischütz“-Amalgam erstellt, das möglichst allen Facetten der Wirkungsgeschichte und des Werkgehalts gerecht werden sollte. Dem Zeitgeist folgend geht es weniger um das Übersinnliche selbst als um Relikte des Archaischen und Außerirdischen in den Urängsten entzauberter Konsumierender. Anstelle des echt edlen Beutewilds hängen in Agathes Wohnstätte Köpfe von Wolpertinger-artigen Deformationen. Die Gemeinschaft der den Dreißigjährigen Krieg Überlebenden in Friedrich Kinds Textbuch sind Jäger, Sammler, Pioniere oder Überlebende einer Zivilisationskatastrophe mit letzten Habseligkeiten in ihren Tornistern. Das hindert den Rundfunkchor Berlin nicht daran, unter Michael Albers Einstudierung prachtvoll zu singen und sich gegen die Laserpfeile der Wolfsschlucht-Szene trefflich zu behaupten. Hinter dem schamanisch waldschrattelnden Eremiten (Tijl Faveyts) watet ein Performer durch Müll und Aquariumwasser. Kopfleuchten gleißen auf die Brautjungfern mit roten Spuren in den Schoßen. Meint das Vergewaltigung, Entbindung, Abtreibung oder das Leiden am Mann generell?

Anzeige

Wenn es bei der Figurenentwicklung ans Eingemachte geht, fällt La Fura dels Baus allerdings wenig ein. Da wirkt die schöne Agathe (Jeanine De Bique mit füllig zaubervollen Tönen und Dialogschwächen) larmoyant. Anna Prohaska als tänzelndes Ännchen liefert unsoubrettige vokale Edelkonkurrenz. Vor allem die Frauen sind bei La Fura dels Baus wie Figuren in den Schaukästen eines Märchenwalds. Christof Fischesser als Kaspar spricht den Kugelsegen mit profunder Nachtschwärze und ebensolchen Textilien. Der Urahn auf dem herabfallenden Bild ähnelt dem Erbförster Kuno (Franz Hawlata), dessen Erzählung wird wie alle anderen Dialoge mit Warnfunktionen zu Klimawandel, Natursterben und Sturmkatastrophen sanft erhitzt wurde. Klar: Man wollte die breiten Erwartungserhaltungen des Publikums an das Stück nicht enttäuschen. Dabei übersah man die Feinheiten, wie sie Friedrich Kind auf Geheiß Webers in das Textbuch eingefügt hatte. Obwohl Benjamin Bruns die beiden großen Terzette und die böse tief notierten Passagen der Wolfsschlucht exemplarisch meistert, rutscht die Titelfigur Max mit ihrer zögerlichen Unentschlossenheit weg. Ein Bilderbuch-Schütz am Schnittpunkt zwischen Prinz und Wilderer ist Viktor Rud als zum Freund Ännchens aufgewerteter Kilian. Mikhail Timoshenko gibt den Fürst Ottokar wie einen ins Post-Apokalyptikum versetzten Freimaurer. Instrumentalsolist*innen treten bei ihren großen Stellen zu den Sängern. Die böse Gewalt Samiel (Wolfgang Häntsch) ist auf Heimaturlaub vom Krieg der Sterne.

Christoph Eschenbach macht auf dem Dirigentenpult an der linken Rampe des Podiums mit dem Konzerthausorchester Berlin gute Miene zum entfesselten Spektakel. Man hört wenig davon, dass „Der Freischütz“ als vergrübeltes Kollektivseelendrama einer Nation vergöttert wurde, dafür aber die satte bis laute Effektsicherheit in Webers Partitur. Geknausert wurde an milden Gewürzen, die man früher mit Etiketten wie „Gemüthaftigkeit“ und „Innerlichkeit“ in den „Freischütz“ projiziert hatte und welche inzwischen als äußerst fragwürdige Zuschreibungen gelten. Immerhin hatte La Fura dels Baus alles vermieden, was 1821 nach Webers Meinung im Königlichen Schauspielhaus nicht so gut gelaufen war: die klassizistische Komfortzone des Jagdschlösschens als Ambiente für Agathes Klagen und jene eleganten Trikothosen und Tanzschuhe, mit denen die Jägerburschen Max und Kaspar bei rauer Witterung zum Kugelgießen eilen. Sichtbar solidarische und großzügige Unterstützung erhielt Hwan Kim von den drei Berliner Opernhäusern für die Kostüme.

Als sich alle Mitwirkende und das etwa 20-köpfige Team von La Fura dels Baus auf den Stufen des Konzerthauses vor der schwarzweißen Fassaden-Installation „Amplifier“ von Bettina Pousttchi verbeugten, war der Jubel der 500 zugelassenen Zuschauer groß. Äußerst beachtlich wurde gesungen, dazu unterhaltsam und etwas flach gespielt. Die Klimawandel-Konzeptebene erwies sich als geschickte Finte, um den echten Herausforderungen des übersinnlich aufgemauschelten Problemstücks mit bewährten szenischen Lösungen abzuhelfen. Industrie- und Laserzauber verwendete La Fura dels Baus für die „Freischütz“-Fallstricke als Arztbesteck und Therapierezept ohne den dafür unerlässlichen Bodycheck am Patienten. Solche passgenauen Produktangebote dürften allerdings nicht einmal zum für Nicht-Kenner aufgestellten Jubiläum als ideale Lösung gelten.

Der Livestream am 18. Juni 2021 um 19.00 Uhr auf ARTE Concert und konzerthaus.de wird zu einem späteren, noch unbekannten Termin bei ARTE ausgestrahlt werden.

Weitere Kritiken

Nur ein Kessel Buntes
Nur ein Kessel Buntes

Selten hat ja ein Theaterstück die Geschichte einer Bühne so gründlich geprägt wie an…

Bertolt Brecht, Kurt Weill: Die Dreigroschenoper
Berliner Ensemble
Premiere: 13.08.2021
Verdi öffentlich-rechtlich
Verdi öffentlich-rechtlich

200 Jahre Verdi! 100 Jahre Arena di Verona! Und nach langer Zeit mal wieder eine…

Giuseppe Verdi: Aida - ZDF-Fernsehübertragung der Aufführung in der Arena di Verona
Arena di Verona/ZDF
Premiere: 15.06.2013
Surround-Sound mit Mittelpunkt
Surround-Sound mit Mittelpunkt

Musikalisch ist das überwältigend. Am einen Ende der Duisburger Kraftzentrale rockt die…

Michael Wertmüller: D.I.E
Kraftzentrale, Ruhrtriennale
Premiere: 02.09.2021 (UA)