Busch verbindet die politische mit der privaten Ebene, indem er Nadja mit ihrem Vater (Klaus Zwick) diskutieren lässt, der Chef eines Unternehmens ist, das mit Kohleimporten Geld verdient. Er behauptet, die Handelswege und ökonomischen Verflechtungen seien viel zu unübersichtlich für irgendwelche Verantwortung seinerseits. Nadja meint, gesteigerte Komplexität dürfe nicht Ausrede für mangelnde Moral sein. Der Vater wiederum behauptet als Naturgesetz des neoliberalen Kapitalismus, eine Nachfrage habe immer ein Angebot zur Folge und wenn nicht er mit Blutkohle handele, dann tue es jemand anderes. Sei dann nicht die Nachfrage schuld – also schlecht, böse? Also wir alle, die von billigem Kohlestrom profitieren? Direkt wird das Publikum mit dieser Frage konfrontiert. Antworten haben die Premierenbesucher keine. So legt der Vater nach. Wenn die Starken Erfolg hätten, würden auch die Schwachen etwas davon haben. Zum Beispiel Arbeit. Jetzt reicht es Nadja. Ganz direkt fragt sie: Macht man Geschäfte mit Verbrechern? „Bist du ein Mörder?“ Die Antwort sind Ausreden – Europa leide an einem Schuldkomplex, überall regierten zudem Neid und Missgunst. Obwohl seine Verstrickung nie aufgeklärt wird, hat sich der Vater so endgültig ins Abseits argumentiert, ist zudem mit Händen in den Hüften und der Arroganz der Macht recht eindimensional als rücksichtsloser Unternehmer angelegt. Ganz in Nadjas Sinn. Geradezu beispielhaft will sie mit solchen Szenen in ihrem Film die Realität nicht ambivalent, sondern eindimensional abbilden.
Darüber gerät sie mit ihrem Freund Simon (Clemens Dönicke) in Streit. Um die in Kolumbien gefilmten Opfer nicht zu diskreditieren, will sie Bilder zeigen, wie diese einen Esel streicheln, nicht aber wie ein Pferd geschlagen wird. Nadja: „Ich will keinen Film, der sagt: Die Welt ist grau; ich will keinen Film, der relativiert; ich will einen Film, der Stellung bezieht, gegen die Rohstoffhändler, gegen die Paramilitärs, gegen Ausbeutung, gegen Gewalt und für die Menschen dort.“ Simon: „Es gibt ein Grau der Indifferenz, der Ignoranz, ein Grau des Mir-doch-egal; aber es gibt auch ein Grau der Differenziertheit und der Verantwortung“, ein Grau dass dem Zuschauer die freie Entscheidung lasse.
Ob Nadja Idealistin oder Egoistin ist, klärt das Finale. Sie reißt das Plastikgepränge aus seinen Halterungen. Bühne frei fürs gebrochene Versprechen, Àlvaro dürfe entscheiden, ob und wie seine Aussagen Verwendung finden. Nun bittet er, seine Sentenz aus dem Film herauszuschneiden, sonst müssten er und seine Familie sterben. Nadja sagt zu – und lässt es sein. Denn sonst fehlt ihrer filmischen Anklage – als nächstem Schritt ihrer Künstlerkarriere – der entscheidende Beweis. Wenn sie mit Àlvaro einen Menschen rette, könne sie nicht mehr den vielen helfen. Also wird er geopfert. In Kolumbien mit der Motorsäge zerlegt. Und Nadja in Europa gefeiert. Nun kann sie auf Augenhöhe mit ihrem Vater über Schuld diskutieren.
Jenseits der immer wieder poetisch eingeflochtenen stimmungsmacherischen Anflüge entwickelt der Text in der feinen rhythmischen Diktion des famosen Ensembles einen fiebrigen Groove, mit dem die Diskurse eine enorme Intensität gewinnen, sowohl intellektuell wie emotional. Die fragmentarisch schillernde Inszenierung nimmt dem Plot das arg Konstruierte. Hält das moralische Dilemma aber deutlich weniger in der Waage als etwa Ferdinand von Schirachs „Terror“. Keine Sympathie für den Vater, keine Zweifel für die Tochter. Eine eindeutige Angelegenheit wider das Recht des Stärkeren. Wer wollte widersprechen?
