Nichtsdestotrotz gewinnt das Spiel mit einer klugen Bildsprache im zweiten Teil insgesamt spürbar an Dichte und Format. Während die synchronen Näharbeiten der Bürgerinnen der Polis an einem langen, schwarzen Stofftuch sinnbildlich die schier undurchbrechbare Rachekette veranschaulichen, ringt Orest mit blutiger Axt um die Hinrichtung seiner Mutter. Die Szene um das Flehen der Frau mit entblößter Brust und den von Selbstzweifeln geprägten Zorn des eigenen Kindes gehört überhaupt zu den intensivsten Momenten der Aufführung. Natalie Forester und Daniel Mutlu erwecken mit all ihrer spielerischen Ausdrucksstärke die Tragik und das Leiden ihrer Figuren am Fatalismus zum Leben. Sie stehen im Konflikt einander als Sklaven ihrer Geschichte gegenüber und tragen dabei letztlich dasselbe Los. Dass Orest nach seinem Mord im roten Kleid Klytaimestras in den Vordergrund tritt, zeigt: In diesen Verstrickungen ist niemand frei von Schuld. Auch wenn der der letzte männliche Erbe des Hauses der Atriden am Ende von einem weltlichen Gericht freigesprochen wird, trägt er seine Mutter und die mit ihr verbundene Schuld buchstäblich auf immer mit sich herum. Fazit: Gegenwartsbezogen oder gar visionär ist dieses Theater zwar nicht unbedingt, die Figuren mit ihren Irrungen und Brüchen erscheinen aber trotz alledem in einem neuen, reizvollen Licht.
