Auf der Klaviatur der Dynamik und Klangfarben weiß auch die monologisierende Saskia Petzold virtuos zu spielen, wenn sie in Mauricio Kagel nahtlos anschließendem Musiktheater „Der Tribun“ einen selbstverliebten Despoten von seiner entlarvend privaten Seite zeigt: An einem mächtigen Schreibtisch probt der Herrscher im drachengeschmückten Kimono seine bevorstehende Staatsrede. Herrlich, mit welcher Mischung aus träger Lustlosigkeit und erzwungenem Pathos sich Petzold dabei von Worthülse zu Worthülse hangelt, wie ein lernschwacher Pennäler um Formulierungen ringt und per Knopfdruck den Jubel des Volkes abfordert, während Agrafiotis seitlich sitzend als dirigierender Sekretär für eine rhythmisch genaue Verzahnung des gesprochenen Wortes mit den parodistischen Märschen sorgt, mit denen Kagel das Groteske seiner Figur unterstreicht.
Ernstere Töne schlägt dagegen Ernst Kreneks „Der Diktator“ an. Hier bestärkt Anat Edri den Entschluss ihrer Maria mit sopranösem Furor, den Herrscher zu töten, dessen grausame Kriegstaktik ihrem Verlobten das Augenlicht raubte. Wo eben noch Michael Pflumm als erblindeter Offizier auf dem Boden bzw. Bett des projizierten Krankenzimmers lag, treten nun auf einem ebenfalls nur aus Licht bestehenden Perserteppich Maximilian Krummen als skrupelloser Titelheld, Jelena Bonkovic als seine Frau und Anat Edris Maria als stimmstarkes Trio mit Rache-, Liebes- und Eifersuchtsgefühlen gegeneinander an. Sind rein persönliche Empfindungen und Motivationen ausreichend, um gegen einen Tyrannen aufzubegehren? Mit dieser Frage stellt Krenek 1927 auch das romantische Ideal infrage, mit dem er musikalisch durchaus noch liebäugelt.
Am Ende färbt sich der Teppich rot. Die Kugel trifft die Falsche, aber dieser ambitionierte, kurzweilige Musiktheaterabend voll ins Schwarze. Mit sparsamen theatralischen Mitteln, einer erlesenen Riege von Musikern und Sängerdarstellern, die sich spielerisch zum Teil noch mehr hätten trauen können, sowie einer klugen Verknüpfung dreier eher selten aufgeführter Klassiker des modernen Repertoires führen uns Christopher Diem und sein Ensemble ebenso eindringlich wie humorvoll vor Auge und Ohr, worauf es in Zeiten selbstherrlicher Autokraten und feindbildspinnender Nationalisten ankommt: eine Haltung zu haben und diese auch zu zeigen. Das Staatstheater Braunschweig hat seine mit dieser sehr gelungenen, spartenübergreifenden Produktion bereits unter Beweis gestellt.
