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Igel sucht Heim

Dirk Laucke: Nur das Beste

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Theater Freiburg
Regie: Bastian Kabuth   Foto: Laura Nickel   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Michael Laages am 06.07.2020

Ein bisschen weltfremd ist dieser Ludi ja schon – er übt ja auch einen liebenswert vorsintflutlichen Medienberuf aus: Er zeichnet Karikaturen für Zeitungen. Abmahnungen vom Vermieter hatten er und Freundin Sanne schon bekommen; und nachdem jetzt schon wieder ein paar Tage zu spät bezahlt wurde, kam die fristlose Kündigung. Finanziell ist die Freundin leider auch nicht viel besser dran als der Karikaturist mit unzuverlässigem Honorar-Eingang; sie war mal Popsängerin, zeitweilig sogar ein bisschen erfolgreich, jobbt jetzt aber in der Boutique von Freundin Larissa. Die wiederum ist eine schwer erträgliche Zeitgeist-Nerdin, plappert jeden Mode-Schickschnack nach und gibt teure Ratschläge – etwa darüber, wo das befreundete Paar denn nun bitteschön hinziehen solle… „Nur das Beste“ (daher kommt der Titel des neuen Stückes von Dirk Laucke) sei gut genug; und, ach ja, die Tochter sollten Sanne und Ludi doch möglichst auch gleich auf eine Privatschule schicken.

Auf diese Weise hat die schrille Nervensäge auch schon Freund Stéfan vertrieben, der Filme und Videos produziert – ob nach dieser Trennung die Boutique wohl überleben wird? Noch ein Alarm mehr für Frau Sanne – so nimmt sie denn das Wohnungsangebot von Herrn Jan an, der Internist ist, mit Freundin Isi aber nebenher auch im Immobiliengeschäft Geld verdient. Außerdem schwadroniert er schwerst rechtspopulistisch daher, mag aber Opern – und darum und merkwürdigerweise auch Sängerin Sanne. Der bietet er teuren Wohnraum an – aber zusammen mit einem Job in Isis Agentur. Und Sanne entwickelt sich (das ist der stärkste Handlungsstrang unter sehr vielen losen Enden in Lauckes Dramaturgie!) mit der Innensicht im Wohnraum-Business zur Mieter-Aktivistin.

Gut so – Ludi bleibt derweil ein Halm im Wind: lässt sich von Murat, dem freundlichen Kiosk-Besitzer an der Ecke, zu kleinkriminellen Gaunereien verleiten und sammelt auf Betreiben der Tochter Lou mehrfach einen Igel ein, der Schutz an Autoreifen sucht und beinahe platt gefahren würde. Für diesen stacheligen Freund (der im Stück auch sprechen kann, zum Beispiel den wenig hoffnungsfrohen Schlussmonolog) finden die Tochter von Ludi und Sanne zum Schluss ein gemütliches Biotop, das auch letzte Ruhestätte sein könnte: unter Baum und Strauch in einer Ecke vom Friedhof.

Zur wirklich stringenten Story also fügt sich der Text erkennbar noch nicht. Und Uraufführungsregisseur Bastian Kabuth zerfasert ihn im Kleinen Haus vom Freiburger Theater noch obendrein: durch ambitiöse Video-Filmerei zwischen den Szenen. Flugzeuge fliegen da zwischen Wolkenkratzern (wie im Filmklassiker „Metropolis“), und immer wieder spaziert der Igel durch die bewegten Bilder. Auch die düstren Geschäfte vom freundlichen Herrn Murat werden bebildert; aber eigentlich sorgen die Filmchen vor allem dafür, dass Lauckes ohnehin schon fragile Handlung nicht wirklich vorankommt; immer wieder wird sie aufgehalten. Und so kann sie schon gar nicht jenes Tempo aufnehmen, das für eine „Posse“ nötig wäre – also eine chronisch überdrehte Klippklapp-Komödie mit möglichst abstrusen Verwicklungen.

Klar: Im Stück um einen Karikaturisten sind alle Figuren Karikaturen. Aber tatsächlich ist „Nur das Beste“ eine Art Sozialdrama unter Mietern und Vermietern; und auch wenn das Personal fast durchweg ziemlich durchgeknallt daherkommt, wird am allgegenwärtigen Abgrund der Mietwohnungsmärkte so schnell keine Posse draus. Im Programmheft sinniert der Autor über alternative und sozial verantwortliche Modelle im Miet- und Vermietungsgefüge, stellt für die absehbare Zukunft auch den Eigentumsbegriff in Frage, gerade was Wohnraum betrifft, den alle benötigen… das ist das Thema, das wäre der Stoff für ein stärkeres Stück.

Mit Kabuths Uraufführung bleibt „Nur das Beste“ unentschieden; und das Freiburger Ensemble kämpft sich durch: Elisabeth Kopp als spätpolitisierte Sanne, Martin Hohner als ewig verträumter Igel-Retter Ludi, Iris Becher als schrille Boutiquen-Lady und Tim Al-Windawe als Medienmacher; Henry Meyer als Murat vom Kiosk, schließlich Holger Kunkel als Opernfreak und Moritz Peschke als Miet-Haiin Isi… Alle halten einigermaßen Abstand auf Manuela Freigangs kleinem Bühnengebirge, das kaschiert ist mit einer überdimensionalen Zeitungsseite. Aber noch wirkt das Stück als Ganzes nicht wirklich zwingend – weitere Inszenierungen werden Lauckes neuem Stück nur guttun.

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