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Ich denke, also spinn' ich

nach Thomas Brasch, Günter Weisenborn: Till Eulenspiegel

SchauspielPremiere:  Theater: Gefängnistheater aufBruch
Regie: Peter Atanassow   Foto: Thomas Aurin 
Von Michael Laages am 10.06.2021

Als wär’s ein neues Abenteuer aus dem kleinen gallischen Widerstandsdorf – kurz vor dem Finale gibt‘s eine Art literarisches Wimmelbild. Die Mitglieder der eher armseligen fahrenden Gauklertruppe, der wir gerade eineinhalb Stunden zugeschaut haben, hauen einander einen Zitatensalat aus Shakespeare-, Schiller- und Goethe-Schwarten um die Ohren; denn noch immer wollen (und müssen sie, um zu überleben) auf dem nahen Schloss und vor dem lokalen Fürsten spielen. Aber der sonderbare Gast, der ihnen da vor kurzem zugelaufen ist, der überall im Land bekannte legendäre Till Eulenspiegel, hat die hoffnungsfrohen Pläne der Truppe gehörig durcheinander gewirbelt – werden sie tatsächlich noch spielen, vielleicht sogar „Romeo und Julia“ (daran haben sie die ganze Zeit über herum geprobt), oder werden sie sich den aufständischen Revoluzzern anschließen, die gerade ein weiteres Mitglied der Gruppe vor marodierenden Soldaten gerettet haben?

Tatsächlich fällt eine Art Entscheidung: für den politischen Kampf, in Literatur gebannt. Das gemischte Ensemble aus Berliner Bürgerinnen und Bürgern, Schauspielern, ehemaligen Inhaftierten und Freigängern aus der Berliner Justizvollzugsanstalt Tegel stimmt ganz zum Schluss einen furiosen Sprechchor an – der erzählt von einer Schlacht der Bauernkriege und stammt aus „Kargo“, einem Text von Thomas Brasch. Auch vorher schon lauert Brasch-Material in dieser „Till Eulenspiegel“-Version mit dem Ensemble des aufBruch-Projektes, das vor mittlerweile 24 Jahren aus der kulturellen Beschäftigung mit der Innenwelt eines Gefängnisses entstand, aus der Begegnung mit den Menschen, die hier leben. Von Brasch oder Beckett bis hin zu den Klassikern - seit langem setzt die Gruppe auf literarische Texte, um im Verhältnis von Kunst, Stadt und Gefängnis künstlerisches Neuland zu erkunden und sozialpolitisch Position zu beziehen.

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Doch nicht nur Brasch adelt dieses Eulenspiegel-Projekt – grandios ist darüber hinaus die Wieder-und Neu-, für die meisten aber sicher Erst-Begegnung mit einem quasi vergessenen Schriftsteller: mit Günther Weisenborn, 1902 im rheinischen Velbert geboren und 1969 in Berlin gestorben. Der Schriftsteller und Dramaturg mit Verbindungen zur Widerstandsgruppe Rote Kapelle schrieb in früher Nachkriegszeit (und mit viel agitatorischem Unterfutter für die frisch entstehende DDR) eine Eulenspiegel-Bearbeitung – die „Ballade vom Eulenspiegel, vom Federle und von der dicken Pompanne“. Die „dicke Pompanne“ darin ist eine Marketenderin wie Brechts „Mutter Courage“; bis in die Personenzeichnung hat Weisenborn das Vorbild beschworen – sein Eulenspiegel, der als Rumtreiber zur fahrenden Schauspieltruppe stößt, verfolgt von der Polizei und mit einer jungen Frau an der Seite, die Tochter oder Geliebte sein kann, kennt die dicke Pompanne mit der immer kampfbereiten Suppenkelle aus früheren Begegnungen – und ist damit sehr deutlich dem „Pfeifenpieter“ nachempfunden, dem holländischen Koch in Brechts Theater-Chronik um „Mutter Courage“. Und die schon etwas reifere Aktrice, die in den Proben die blutjunge „Julia“ spielen soll, ist unübersehbar eine Wiedergängerin von Brechts Lagerhure Yvette … und benimmt sich auch so.

Überhaupt steckt Weisenborns Till voller Courage – so sehr, dass die verstörenden „Streiche“ des aufrührerischen Narren Till (wie man ihn seit den spätmittelalterlichen Volksbüchern und, später, Charles de Costers „Ulenspiegel“-Roman kennt) nurmehr wie Zitate in die Story eingebunden sind. Die Schauspieltruppe ruft sie bei Bedarf immer mal wieder wie aus dem eigenen Repertoire ab: grobe kleine Späße, mit Sentenzen drin wie für die Klo-Wand - „Ich denke, also stink‘ ich.“ Feiner geht’s natürlich auch: „Ich denke, also spinn‘ ich!“

Till wird hier (und weitaus deutlicher als in Daniel Kehlmanns aktuellem „Tyll“-Roman) zum nicht so sehr prägenden Helden als vielmehr zu einer Art Katalysator für die Kämpfe der Zeit – wieder (wie bei Brechts „Courage“ die „Evangelischen“ und „Katholischen“ des Dreißigjährigen Krieges) stürmen hier Revoluzzer und Soldaten herein und bringen die Theatertruppe in Gefahr; letztlich soll (das klingt nach dem Weisenborn der Nachkriegszeit, blieb aber aktuell bis heute) noch die heruntergekommenste Kunst Position beziehen im Streit der Zeit.

Das ist ein wirklich rundum starker „Till“ in der Inszenierung vom langjährigen aufBruch-Regisseur Peter Atanassow – und der Ort spielt mit: die Freilichtbühne im Volkspark Jungfernheide, die den Namen von Gustav Böß trägt, Berlins Oberbürgermeister der 20er Jahre. Mitte dieses Jahrzehnts war sie damals als Naturbühne in Arena-Form für großes Publikum entworfen worden, seit den frühen 50er Jahren wurde sie wieder betrieben. In den 70er Jahren waren hier Hermann van Hartens „Freie Theateranstalten“ zu Hause – bis vor kurzem blieb das Areal lange ungenutzt und ist noch jetzt zu zwei Dritteln zugewuchert. Aber mitten im Wald zwitschern dessen Bewohner, den Tegeler Fluglärm vermisst niemand. Holger Syrbe, von Beginn an Bühnenbildner bei aufBruch, hat eine Art Feldlager mit allerlei Podien in den Sand und unter die Bäume gestellt, Schminktisch, Küchen-Kübel, Klohäuschen und ganz im Hintergrund ein Galgen inklusive.
 
So wird diese Begegnung mit dem alten „Till“ in jeder Hinsicht zum Ereignis. Bis Ende Juni wird gespielt. Und nicht nur Berlinerinnen und Berlinern sei der Besuch dringend empfohlen. 

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