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Humorfrei durch die bürgerliche Hölle

Erich Wolfgang Korngold: Der Ring des Polykrates

MusiktheaterPremiere: Theater: Theater Freiburg
Regie: Teresa Rotemberg  Musikalische Leitung: Fabrice Bollon   Foto: Britt Schilling   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Georg Rudiger am 20.01.2020

Die Musik von Erich Wolfgang Korngold ist ein Steckenpferd des Freiburger Generalmusikdirektors Fabrice Bollon. 2015 ging am Freiburger Theater Korngold bekannteste Oper „Die tote Stadt“ in einer Inszenierung von Florentine Klepper über die Bühne. Zwei Jahre später folgte eine bemerkenswerte konzertante Version von „Das Wunder der Heliane“, die beim Label Naxos auf CD erschien. Auch die frühe einaktige Oper „Der Ring des Polykrates“ sollte zunächst, kombiniert mit anderen Orchesterwerken, konzertant gespielt werden, ehe man sich doch noch für eine szenische Fassung der Regisseurin Teresa Rotemberg entschied.

Der Nachmittag im Freiburger Theater ist aber weder Fisch noch Fleisch. Die Kombination von Konzert vor und Oper nach der Pause geht dramaturgisch nicht auf. Rotemberg versucht zwar, einen Bogen zwischen den beiden Teilen zu schlagen, indem sie Roberto Gionfriddo, der in der Oper in der Partie des Notenkopisten Florian Döblinger besetzt ist, zu Beginn der „Kosmos Korngold“ genannten Produktion als Notenwart einsetzt. Auch Jeff Gwaltney, in der Oper als Hofkapellmeister Wilhelm Arndt zu hören, tritt im ersten Teil bei „Theme and Variations“ op. 42 als Komponist auf, der auf einem Stuhl an der Bühnenrampe sitzt und verzückt seiner eigenen Musik lauscht. Die theatralische Wirkung dieses Regieeinfalls ist überschaubar. Was  er und das Publikum im voll besetzten Theater zu hören bekommen, macht jedenfalls viel Freude. Der bei Korngold häufig gedämpfte Legato-Streicherklang wird vom Philharmonischen Orchester Freiburg veredelt. Die subtilen Klangmischungen sind delikat. Die heikle Balance gelingt Fabrice Bollon bei dieser spätromantisch üppigen Musik hervorragend – auch die von Irina Jae-Eun Park nuanciert gesungenen Lieder op. 9 sowie die Kompositionen „Der Sturm“ und „Passover-Psalm“ op. 30, für das der Opern- und Extrachor des Theaters Freiburg (Leitung: Norbert Kleinschmidt) als zusätzlicher Klangkörper integriert wird, sind gut austariert.

Die hohe musikalische Qualität bleibt auch in „Der Ring des Polykrates“ erhalten. Die häufig nach Richard Strauss tönende Musik klingt trotz ihrer Opulenz immer durchsichtig. Rhythmische Klarheit trifft auf eine besondere Verbindlichkeit in der Klanggebung, mit der Bollon gerade die Übergänge modelliert. Mit siebzehn Jahren hat der Zemlinsky-Schüler Korngold diese 1916 in München uraufgeführte „Heitere Oper in einem Akt“ nach dem Lustspiel von Heinrich Teweles komponiert. Friedrich Schillers gleichnamige, das Glück umkreisende Ballade (1797) ist Ausgangspunkt der im gleichen Jahr spielenden Geschichte. Ein bürgerliches, glücklich verheiratetes Paar wird durch einen Jugendfreund konfrontiert mit der Schattenseite des Lebens. Die Schicksalsfrage „Hast Du vorher schon geliebt?“ sorgt nicht nur beim Hausherrn und seiner Gattin für temporäre Verunsicherung, sondern auch das Dienerpaar Florian und Lieschen kramen in der weiblichen Vergangenheit. Am Ende herrscht wieder eitel Sonnenschein. Als Opfer, das für den Erhalt des Glücks gebrachten werden muss, wird von den beiden Paaren einstimmig der vom Pech verfolgte Freund Peter Vogel auserkoren.

Der amerikanische Tenor Jeff Gwaltney überzeugt in der Partie des Hofkapellmeisters Wilhelm Arndt mit Leuchtkraft und entspannter Höhe. Arminia Friebe zeigt als Gattin Laura viele Zwischentöne und entwickelt einen warmen, tragenden Stimmklang. Die Ensemblemitglieder Roberto Gionfriddo (Florian) und Irina Jae-Eun Park (Lieschen) gefallen mit Spielfreude und Musikalität. Michael Borth (Peter Vogel) bringt mit seinem markanten Bariton eine dunklere Farbe in die hell strahlende Harmonie. Dass Regisseurin Teresa Rotemberg diese spießbürgerliche Idylle, die eigentlich eine Hölle ist, eins zu eins abbildet und das fragwürdige Setting ohne jede Ironie umsetzt, macht diesen „Ring des Polykrates“ szenisch unerheblich. Nicht einmal ein echtes Bühnenbild ist zu sehen – ein paar herumstehende Stühle und Notenständer sind alles, was man sich dazu einfallen ließ. Auch die Personenregie bleibt brav, bieder und vor allem humorfrei. Laura freut sich am Ende auf ihre Zukunft als Ehefrau, die ihre Erfüllung findet im Stricken und Spinettspielen.  Auch Lieschen und Florian träumen von einer Fortsetzung des trauten Glücks. Der alte Freund Peter Vogel stört da nur und lässt zum Abgang noch ein paar Instrumente mitgehen. Naja.

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