Carlisle Floyds erste abendfüllende Oper „Susannah“ am Theater Hagen.
Musiktheater,

Hexenjagd am Bible Belt

Carlisle Floyd: Susannah

Theater:Theater Hagen, Premiere:17.03.2012Regie:Roman HovenbitzerMusikalische Leitung:Bernhard Steiner

Am arg gebeutelten Theater Hagen wird Mut belohnt: das Premierenpublikum feierte „Susannah“ und alle beteiligten Künstler mit stehenden Ovationen. Mit der Hexenjagd am Bible Belt, gewissermaßen dem musikalischen Südstaaten-Pendant zu Arthur Millers nur zwei Jahre älterem New England-Schauspiel, setzt Generalintendant Norbert Hilchenbach seinen Zyklus amerikanischen Musiktheaters fort. Statt etwa mit Bernsteins „West Side Story“ begann er ihn mit „Dead Man Walking“, statt mit Gershwins „Porgy and Bess“ fortzufahren, stellt er nun die in Deutschland schon dreimal gescheiterte „Susannah“ von Carlisle Floyd nochmals zur Diskussion.

Vater des Erfolgs ist Regisseur Roman Hovenbitzer, der in der eindrucksvoll schlichten, handfesten Dekoration von Jan Bammes die verleumderische Hetzjagd auf das lebenslustige, natürliche Mädchen (zauberhaft die neu engagierte, blutjunge Amerikanerin Jaclyn Bermudez) im evangelikal engstirnigen Dorf in den Bergen Tennessees als allgemein gültige, zeitlose Parabel im Stil Brechts inszeniert. Die zehn kurzen Szenen der Tragödie werden auf offener Bühne mit wenigen Handgriffen verwandelt. Eine Schräge aus groben Holzplanken ist Dorfplatz, Kirche, Wohnstube, Wiese mit Bach (in dem das junge Mädchen sich morgens nackt badet – bis die Dorfältesten sie beobachten und denunzieren). Eine zweite, mobile Plattform wird Tanzboden, Raumteiler, Zimmerdecke. Darüber ein Banner: „Du sollst den Herrn deinen Gott lieben und deinen Nachbarn“.

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Problematisch bleibt die Musik. Welten liegen zwischen den inbrünstigen, kernigen Gospels und Tänzen der Schwarzen und den biederen Chorälen und Square Dances dieser hinterwäldlerischen Puritaner. Amerikanischer Verismo wird in dieser Mitte der 1950er Jahre uraufgeführten „Nationaloper“ auf das Schlichteste reduziert. Wenig Dramatik, wenig Dynamik, kaum Klangfarben bietet Floyds zähflüssige Partitur – bis zur vorletzten Szene, wo plötzlich alles explodiert, wenn Susannahs Bruder Sam (markig: Charles Reid) erfährt, dass der Prediger Olin Blitch (jovial: Rainer Zaun) das Mädchen vergewaltigt hat. Während des Taufzeremoniells bekehrter Sünder schießt Sam den falschen Gottesmann mit seiner Flinte nieder. Die Dörfler fallen nun erst recht über Susannah her…. Lautlos teilt sich die Bühnenschräge – eine tiefe Kluft klafft zwischen dem Mädchen und den „lieben“ Nachbarn.