Ingrid verliebt sich in Peter Stark (angenehm flockig: Florian Bänsch), einen Rock’n’Roller, der aber nach dem Schmähwort der Zeit bestenfalls ein Halbstarker ist. Sein Vater war Soldat und ist nie aus Russland zurückgekehrt, erscheint aber (Philipp Brammer übernimmt mehrere Rollen) als Traumgespinst, an dem, wie an allen Vertretern der älteren Generation in dem Stück, Nazi-Jargon klebt. Ebenfalls eine kräftige Figur ist Polina Bachmann als Peters Mutter Irma, die sich was einbildet auf die erfolgte erfolgreiche Entnazifizierung, wiewohl die ganze Gesellschaft in Sprache und Denkungsart immer noch auf der Zeit der Barbarei basiert.
Generationenkonflikte, Schlussstrichdiskussionen, deutsche Opferhaltung: Natürlich ist „Die Hungerleider“ auch heutiger, politischer Stoff. Keiner verässt seine Heimat gern: Wie geht es solchen Menschen? Morgners werden angefeindet, weil sie arm nach Deutschland kamen; jetzt wirft man ihnen vor, im Gegensatz zu den Alteingesessenen bevorzugt zu werden, hat man Angst um den eigenen Besitzstand. Die Geschichte hat gelehrt, dass die deutsche Gesellschaft von den Vertriebenen stark profitiert hat. Sprangers Stück lehrt derlei Geschichtsbezüge, Hochholdingers 90-minütige Inszenierung nimmt diese auf, verarbeitet sie in unprätentiösem Bühnenbild (Ausstattung: Imme Kachel) mit einem Raum voller vielseitig einsetzbarer Stühle und Sessel vor allem mit eindringlicher Schauspielerarbeit. Inklusive frühbundesrepublikanischer Heilsversprechen: die Miele. Der VW. Rimini.
