Aufführungsfoto von „Hotel Lauter und die Unsichtbaren“ von Armela Madreiter am Theater Heidelberg. Zwei junge Männer und eine junge Frau halten sich an den Händen nebeneinander auf einer leichten Schrägen und schreien und lachen.

Wie das Räderwerk einer Präzisionsuhr

Armela Madreiter: Hotel Lauter und die Unsichtbaren

Theater:Theater und Orchester Heidelberg, Premiere:22.03.2026 (UA)Regie:Pascal Wieandt

Mit Fantasie und poetischer Leichtigkeit begeistert die Uraufführung „Hotel Lauter und die Unsichtbaren“ von Armela Madreiter am Theater Heidelberg. Abgeschoben in ein Hotel ringen drei Kinder um Anerkennung und Selbstwert – für das junge Publikum mitreißend inszeniert und gespielt.

Es kann ja soooo befreiend sein, seinen Frust aus vollen Lungen aus sich herauszuschreien! Rachid Zinaladin, Timo Jander und Yve Grieser tun das in den Rollen der drei Kinder Jona, Elin und Charlie so ansteckend, dass in Nullkommanichts die komplette Besucherschar ab zehn Jahren im Jungen Theater Heidelberg mitjohlt und japst und kreischt. Die ganze Zwingerstraße wird von diesem identitätsstiftenden Moment angesteckt.

Mikrokosmos Hotel

Damit und mit vielen weiteren Szenen gelingt der vor zwei Jahren beim Mülheimer Kinderstücke-Wettbewerb ausgezeichneten Autorin Armela Madreiter ein weiterer Hit. Ihr neues Werk „Hotel Lauter und die Unsichtbaren“ knüpft in puncto Fantasie, Sprachwitz und poetischer Leichtigkeit an ihr seinerzeit ebenfalls in Heidelberg uraufgeführtes Kinderstück „südpol.windstill“ an. Dank des perfekten Timings des Regisseurs Pascal Wieandt greifen die peppig getanzten und gehüpften Auftritte, das kokette Minenspiel der Akteure und die direkte Publikumsansprache ineinander wie das Räderwerk einer Präzisionsuhr. Sie tickt für 80 Theaterminuten lang im emotionalen Gleichklang eines Wir-Gefühls, wie es nur die darstellenden Künste oder sportliche Highlights erzeugen können.

Die 1992 in Salzburg geborene Dramatikerin schafft mit ihrem „Hotel Lauter“ einen Mikrokosmos, in dem die drei von der Elterngeneration teils vernachlässigten, teils verdrängten Kinder um ihr Selbstwertgefühl und um Anerkennung ringen: sowohl untereinander als auch zwischen den Generationen. Ihre wichtigste Erkenntnis dabei: „Echte Freunde lassen einen nie im Stich.“

„Sofort“ und „augenblicklich“

Anfangs wirken sie im Hotel wie Störfaktoren, die möglichst genauso unsichtbar bleiben sollen wie die dienstbaren Geister, die sich im Auftrag der dauermiesepetrigen Hotelchefin Lauter um quengelnde Gäste, tropfende Wasserhähne, knarzende Klimaanlagen oder defekte Glühbirnen kümmern sollen. Immer höflich, aber stets zurückhaltend, damit sich die Kundschaft nicht gestört fühlt. „Notfall“, „sofort“, „augenblicklich“ lauten die Kommandos der Chefin, die aussieht, als hätte sie gerade in eine Zitrone gebissen oder die Rolle einer bösen Königin im Märchenspiel übernommen.

Aufführungsfoto von „Hotel Lauter und die Unsichtbaren“ von Armela Madreiter am Theater Heidelberg. Eine Frau im bordeauxrotem Anzug sitzt mit einem Klemmbrett und Stift in der Hand auf einem Stoffhaufen, unter dem der Kopf eines jungen Mannes hervorschaut.

„Hotel Lauter und die Unsichtbaren“ von Armela Madreiter am Theater Heidelberg mit Susanne Berckhemer, Rachid Zinaladin. Foto: Susanne Reichardt

Susanne Berckhemer karikiert nicht nur diesen spitzzüngigen Drachen, sondern gibt noch etlichen weiteren Figuren das jeweils passende kauzig-komische Profil: Sei es als allwissende Empfangsdame in der Lobby, als Papa, Stiefvater, Mama oder als Schreckschraube namens Estermann. Die Schauspielerin, die seit vielen Jahren das Heidelberger Ensemble prägt, kann mit dieser Vielzahl kleiner Charakterstudien einen weiteren Bonus auf ihrem künstlerischen Konto gutschreiben. Möge er sich üppig verzinsen in diesen wirtschaftlich schwierigen Zeiten! Zu jeder ihrer kleinen Rollen hat die Ausstatterin Kathrin Hauer farblich markante Kostüme entworfen, während sie die Hotel-Architektur mit einfachen, aber zweckmäßigen Elementen andeutet.

Wunschzettelvorhang

Verwoben mit der Story der Freundschaft, des Vertrauens und des kindlichen Kampfes um Aufmerksamkeit ist eine kleine Detektivgeschichte: Jona und Elin eröffnen in dem Hotel, in dem sie normalerweise ihre Hausarbeiten erledigen, ein „Büro für besondere Angelegenheiten und Ermittlungen“, um Ungereimtes herauszufinden. Brennend interessiert die beiden, wer das geheimnisvolle Mädchen Charlie sein mag, das zusammen mit einem noch geheimnisvolleren Mann, genannt „der General“, in eine sündhaft teure Hotel-Suite gezogen ist. Wurde Charlie womöglich entführt?

Das und allerlei anderes gilt es zu ergründen. Dabei hilft es, sich der eigenen Wünsche zu vergewissern und sie auf einem riesigen Wunschzettel in Form eines flatternden Vorhangs zu notieren: Nettere Lehrer, weniger Hausaufgaben, ein beglückender Urlaub am Meer, keine Kriege mehr oder schlicht und einfach ein leckeres Eis. Und wieder geschieht das gemeinsam mit dem Publikum, das nach der Vorstellung lautstark klatscht, trampelt und jubelt. Man fragt sich, ob bald eine weitere Auszeichnung in Mülheim winkt?