Laura Thomas und Tim-Fabian Hoffmann in SQUASH am Bochumer Prinzregenttheater.
Digitales,

Hartes Spiel

Matthias van den Höfel: Squash

Theater:Prinzregenttheater, Premiere:30.01.2021 (UA)Regie:Hans Dreher

„Squash“ heißt das Zwei-Personen-Drama und Erstlingswerk des 1987 in Bochum geborenen Autors Matthias van den Höfel, das die Geschichte einer Beziehung aus der Retrospektive nachzeichnet. Am Samstagabend feierte es seine Online-Uraufführung in einem Videostream des Prinzregenttheaters in Bochum. Wieder einmal bringt die Corona-Pandemie mit ihren Einschränkungen auch kreative Ideen hervor: Da aktuell nicht live auf der Bühne gespielt werden darf, inszenierte Regisseur Hans Dreher das Stück als Videokonferenz und macht dabei Anleihen bei der Hörspieldramaturgie.

Was erstaunlich gut klappt. Von einer Notlösung ist nichts zu spüren. Dass diese Aufführungsform nicht alltäglich ist, merkt man nur daran, dass etliche Besucher vor Beginn des Stückes eine technische Einweisungshilfe brauchen. Doch dann kann es losgehen, aus dem schwarzen Off tauchen zwei Fenster auf. Ein Mann (Tim-Fabian Hoffmann) und eine Frau (Laura Thomas), in den Videofenstern A und B verortet, sprechen über ihre Beziehung, miteinander und in Monologform an ihr Publikum gewandt. Die Grenzen der Gespräche verwischen sich dabei immer wieder, ebenso wie die Zeitebenen. Beide Darsteller*innen spielen per Internet live miteinander aus einer minimalistischen Kleinst-Kulisse, die jeder in seiner Privatwohnung eingerichtet hat. Die Hintergründe sind unscharf und in wechselnden farblichen Stimmungen gehalten, Bewegung kommt durch die Schatten der Darsteller ins Spiel. Ansonsten passiert hier alles in der Sprache – und der Imagination der Zuschauer.

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Die Begrüßung der beiden wirkt zunächst wie ein Skype-Anruf unter alten Freunden, man freut sich, wieder einmal voneinander zu hören. Schnell kommt die Sprache auf das Spiel „Squash“, dem diese moderne Beziehungskomödie ihren Titel verdankt. Denn die Frau und der Mann, denen der Autor bewusst keine Namen gegeben hat, haben sich bei diesem Spiel kennengelernt. Und seine Regeln bestimmen auch das Verhältnis der beiden: Der Rhythmus eines Squash-Spiels mit seinen harten Rückschlägen, bei dem die Spieler nebeneinander stehen und doch gegeneinander spielen, prägt mit seinen schnellen und unerwarteten Wechseln sowohl die Dialogsprache als auch die Reaktionen der Partner aufeinander.

Es ist eine Geschichte wie viele andere auch, sie ereignen sich so oder so ähnlich jeden Tag, und doch überraschen die Direktheit, Frische und Authentizität dieses Paares. Denn nicht nur in Corona-Zeiten spielt sich ein nicht unwesentlicher Teil auch und gerade unseres Privatlebens im Netz ab, die Grenzen zwischen realem Leben und virtuellen Kontakten fließen ineinander über. Regisseur Hans Dreher greift hier einen Zeittrend auf, die Selbstbespiegelung nämlich, die in der Wirkung auf andere getestet wird und unser Selbstverständnis immer stärker prägt. Der moderne Mensch ist zum Star seines eigenen Lebens geworden, das er auch selbst inszeniert, soziale Kontakte inklusive. Oder wenigstens möchte, denn da jeder das will und dabei oft nicht auf den anderen eingeht, entgleitet einem dann schon mal die Regie. Auch und gerade bei Beziehungen, wie es A und B schmerzlich in der Erinnerung wiedererleben. Denn eigentlich lebt jeder für sich in seinem eigenen Raum, genau wie in der Videokonferenz. 

Das Aneinandervorbeileben, das sich in ihrem Alltag als Paar schnell eingeschlichen hat, weil sich die Frau auf ihrer Suche nach Selbstverwirklichung stark in ihren Job einbringt, lässt sich auch durch virtuelle Präsenz nicht aufhalten. Karrierefrau Laura Thomas spielt ihren Charakter hier durchsetzungsstark und verletzlich zugleich, ihre Sensibilität ist aber vor allem auf sich selbst konzentriert. Wie ihr Partner darunter leidet, entgeht ihrer Wahrnehmung zunächst. Denn er, trotz seiner zur Schau getragenen Coolness ein feinfühliger Musiker, ist auch auf der Suche nach dem Sinn seines Lebens, den er immer weniger in dieser Beziehung findet, obwohl er sich sicher ist: „Das ist die Frau, mit der ich mein Leben verbringen möchte.“ Der Tod seiner Großmutter wird schließlich zum Wendepunkt dieser Beziehung, er bricht aus dieser Partnerschaft, die längst keine mehr ist, zu einem Selbstfindungstrip nach Kanada aus, zu dem er sie mitnehmen möchte. Doch ihr ist der Job wichtiger. Und als sie ihm schließlich nach Monaten nachreist, haben sie sich kaum noch etwas zu sagen. Inzwischen haben beide neue Partner – das Spiel kann von neuem beginnen. Auch für die Zuschauer, die sie über alle Stationen ihrer Beziehung hinweg begleitet haben, virtuell, ein bisschen wie bei Big Brother.