Foto: Eine Politgroteske in der Regie von Tobias Kratzer. © Tanja Dorendorf
Text:Sören Ingwersen, am 2. Februar 2026
„Monster’s Paradise“, die neue Oper von Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek, rechnet mit selbstherrlichen Autokraten ab und trifft beim Premierenpublikum auf offene Ohren.
„Furz und Schoiße! (…) Überall sitzt ein Arsch auf dem Thron, aber ich bin der Größte von allen!“ Der König-Präsident protzt und presst, bevor er die goldene Kette seiner Klospülung zieht. Wir befinden uns unverkennbar im Oval Office. Die Schaltzentrale des mächtigsten Polit-Clowns der Welt ist ein prunkvoll ausstaffierter Abort (Bühne und Kostüme: Rainer Sellmaier), wie überhaupt in der Oper „Monster’s Paradise“, die in Hamburg ihre Uraufführung feiert, die ganze Welt den Lokus runtergeht. Letzter Hoffnungsträger ist ausgerechnet ein schuppiges Monster, angelehnt an eine Figur aus dem japanischen Trash-Kino der 1950er-Jahre: Gorgonzilla, ein Seeungeheuer, entstanden durch einen Atomversuch des König-Präsidenten.
Nach mehr als zwanzig Jahren haben Komponistin Olga Neuwirth und Autorin Elfriede Jelinek wieder für ein Musiktheaterstück zusammengefunden. Neuwirth lieferte die Idee und hat auch am Libretto dieser „Grand Guignol Opéra“ mitgewirkt, eine Anspielung auf ein historisches Theater in Paris, das seine Zuschauer mit grotesker Horror-Unterhaltung lockte. Auch in der Inszenierung des neuen Intendanten Tobias Kratzer geht es nicht zimperlich zu. Da bearbeiten die Muppet-Figuren Kermit und Miss Piggy gleich in mehrfacher Ausführung den völlig resilienten König-Präsidenten mit Vorschlaghammern und werden in der Gegenwehr von dessen Spießgesellen verhackstückt. Da wanken scharenweise Zombies über die Bühne und stürmen das Kapitol (in der Pause dann auch das Foyer). Da verspeist Gorgonzilla am Ende im Schattenspiel seinen unfreiwilligen Schöpfer. Das Philharmonische Staatsorchester unter der Leitung von Titus Engel liefert dazu das fragmentierte Echo der Vergangenheit, reiht im fliegenden Wechsel Versatzstücke aus der Musikgeschichte aneinander, verfremdet durch Elektronik und verstimmte Instrumente, schürt Panik und Aufruhr im Orchestergraben und spielt rauschhaft mit klanglichen Auflösungserscheinungen.
Die Auflösung von Ordnung und Gewissheit
Denn darum geht es schließlich in „Monster’s Paradise“: um die Auflösung von Ordnung und Gewissheit, die Ununterscheidbarkeit von Gut und Böse, die Obszönität und Monstrosität von Alleinherrschern, die zur Karikatur ihrer selbst werden. Wie kann man und insbesondere Frau sich des gefräßigen patriarchalen Machtanspruchs erwehren, der die Lüge zur Totschlägerin des Arguments macht? Das ist die Frage, um die Jelineks Text unentwegt kreist. Er ist in seinem Umfang ähnlich aufgeblasen (aber deutlich schärfer konturiert) wie der König-Präsident, der als ballonartiges Riesenbaby mit winzigem Kopf schon bald den halben Raum des Oval Office füllt.
Lustvoll grimassierend mimt Bariton Georg Nigl den bizarren Potentaten (gut ausgeleuchtet von der Live-Kamera). Später gleitet er in seinem Golfwagen über das Meer, während der mit verzerrter Monsterstimme sprechende Gorgonzilla (am Ende: Gott Zilla) sich auf seiner von blauer Plastikfolie umwehten Lummerland-Insel mit den beiden Vampirinnen Vampi und Bampi verbündet. Sie sind die theatralen Doubles von Jelinek und Neuwirth und begleiten – jeweils doppelt mit einer Sängerin und einer Schauspielerin besetzt – das Bühnengeschehen mit Kommentaren, die nicht viel Hoffnung machen. Wer oder was soll hier auch gerettet werden, wenn das Volk nur noch aus einer Horde Untoter besteht?
Ein Paradies für Monster
Und das Paradies im Titel ist eben kein Paradies für Menschen, sondern für Monster. Monster, die sich nur noch mit Monstern bekämpfen lassen. Wenn Utopie und Dystopie gleichermaßen an einer theatralisch zugespitzten Wirklichkeit zersplittern, kann sich Kritik nur noch als grelle Farce behaupten. Olga Neuwirth und Elfriede Jelinek wissen das ebenso wie Regisseur Tobias Kratzer, der mit seinem hochmotivierten Ensemble ein Spektakel mit Schauwerten liefert und das Wunder vollbringt, durch Kratzen an der Oberfläche Tiefenschichten freizulegen. Ein kleines Wunder auch, dass der zweieinhalbstündige Abend, der beherzt in die Kiste der Trivialkultur greift und bei dem es im dichten Zusammenspiel von Text, Musik und Bild viel zu verdauen gibt, beim Premierenpublikum gut ankommt. Als habe man in Hamburg nur darauf gewartet, dass die Oper endlich wieder aus ihrem langjährigen Dornröschenschlaf wachgeküsst werde.