Aufführungsfoto von „Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben“. Im Vordergrund steht ein Mann mit geschlossenen Augen und zum Gebet gefalteten Händen. Im Hintergrund sitzt eine Frau erhöhrt und blickt nach vorne.

Magie als Fluch und Verzauberung

Robert Czechowski nach Janosch: Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben

Theater:Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau, Premiere:14.03.2026Autor(in) der Vorlage:JanoschRegie:Robert Czechowski Musikalische Leitung:Daniel Grupa

Nicht nur der Erfinder der Tigerente: Am Gerhart Hauptmann-Theater Görlitz-Zittau bringt Robert Czechowski „Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben“ von Janosch und dessen Abgründe seiner Kindheit atmosphärisch dicht und mit einem schauspielerisch überzeugenden deutsch-polnischen Ensemble auf die Bühne.

Hier ist alles eng, die Studiobühne am Theater Zittau, die die Zuschauer nur durch verschlungene Gänge erreichen und das katholische Oberschlesien in den 1930er Jahren erst recht. Dort marschiert die SA auf und die Grenzlandbewohner müssen sich entscheiden, ob sie Polen oder Deutsche sein wollen. Deutsch scheint sehr viel besser, denn Hitler schickt sich gerade an, die Welt zu erobern. Aber unmittelbar politisch wird diese Geschichte nicht – hier öffnet sich eine magische Kindheitswelt voller Abgründe. Denn der Blick des gedemütigten Kindes, in dem man unschwer den Autor Janosch erkennt, ist kalt und präzise.

Im Schatten der erfolgreichen Kinderbücher

Die deutsch-polnische Bevölkerungsmelange hier hat den „braunen Fusel“ in den Adern und in den Knochen die Gicht – im Herzen aber eine erschreckende Leere, wie Janosch im dritten Teil seiner Schlesien-Trilogie „Vom Glück, Hrdlak gekannt zu haben“ von 1994 konstatiert. Ja richtig, Janosch, der mit seinen übermütigen Kinderbüchern und den selbstgemalten lustigen Zeichnungen, der so paradoxe Wesen wie die Tigerente erfand. Heute lebt der Fünfundneunzigjährige zurückgezogen auf Teneriffa, seine drei auto-fiktionalen Schlesien-Romane waren bei ihrem Erscheinen kein mediales Ereignis.

Dies hier ist eine melancholische, mitunter auch sehr bittere Abrechnung mit seiner Kindheitswelt und den Eltern. Der Vater, ein Metallarbeiter, war Alkoholiker und prügelte die Familie. Die Mutter gab sich über die Maßen katholisch. Untereinander sprach die Familie meist polnisch (auf eine merkwürdig „bellende“ Art, wie Janosch erinnert). Nur das Kind musste Deutsch sprechen, wegen der großen Zukunft Deutschlands. Das isolierte ihn noch mehr inmitten seiner ohnehin schon fremden Familie. Niemand unterhielt sich mit ihm. Nur jener Hrdlak, der aber bei den Erwachsenen als Idiot galt, hörte ihm zu.

Aufführungsfoto von „Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben“ am Gerhart Hauptmann-Theater Göritz-Zittau. Ein Mann tippt sich mit dem Zeigefinger an die Schläfe und umfasst mit der anderen Hand einen Mann am Nacken, dabei sieht er wütend-verzweifelt aus.

„Von dem Glück, Hrdlak gekannt zu haben“ am Gerhart Hauptmann-Theater Göritz-Zittau. Foto: Pawel Sosnowski

Das Einzige, was der Sohn zur Entschuldigung der Eltern sagen kann, ist, dass sie es nicht besser wussten. Die Eltern, das war oberstes Gebot, galt es zu ehren, die Kinder hatten zu gehorchen. Darum musste Janosch seine Kindheit als Erwachsener nachholen, sie sich verspätet neu erfinden. Endlich eine Welt voller Fantasie, die er als Kind nie gekannt hatte.

Das gewöhnlich Abgründige

Die Studiobühne des Theaters Zittau wirkt wie ein unheimlicher Kellerverschlag (Ausstattung Adam Łucki). Verschiebbare Trennwände aus Draht trennen das Publikum von der Bühne. Jagdtrophäen, Spitzendeckchen, ein Sofa und andere Ornamente der Kleinbürgerglückseligkeit verdunkeln gleichsam alles. Ein Metronom zählt laut tickend die vergehende Zeit – doch es passiert nur immer das Gleiche, das so durchdringend Gewöhnliche. Obwohl die Musik, die Daniel Grupa komponierte, wie eine Mischung aus Choral und Kneipenmusik klingt, die die Erzählung als solider Klangteppich über ihre Abgründe trägt. Denn dies hier ist eine somnambule Versuchsanordnung über traumlose Zustände, die Kinderseelen töten.

Der renommierte polnische Regisseur Robert Czechowski und Intendant des Lubuski Teatr in Zielona Góra hat „Vom Glück, Hrdlak gekannt zu haben“ mit einem gemischten deutsch-polnischen Ensemble inszeniert. Das Stück wird parallel in Zittau und Zielona Góra gespielt. Czechowski ist ein kompromissloser Feind jedes Naturalismus auf der Bühne. Er sieht sich in seinen Regiearbeiten Artauds „Theater der Grausamkeit“ und dem polnischen Surrealisten Witold Gombrowicz verpflichtet.

Du sollst

Am Theater in Zittau erschafft er sich sein eigenes Universum. Die Hochzeit im Dorf Chlodnitze, bei der Frau Dziuba (die Großmutter) ihre Tochter Elsa (die Mutter) verheiratet, wird so zur Schreckenskammer der Provinz. Grandios diese Vivisektion einer vorgeblichen Gemeinschaft, deren Rituale leer sind – und schlimmer noch – sich in ihr vergiftetes Gegenteil verkehren. Zum Glück ist da auch der verachtete Handlanger Hrdlak, der für das Kind Janosch zum humanen Anker in seiner inhumanen Herkunftswelt wird. Ein mitfühlender Mensch, halb Tier, halb Gott, das muss reichen, um nicht ganz am Leben zu verzweifeln!

Es ist wie ein Reigen der Untoten, die alle das Kind mit ihren herzlosen „Du-sollst“-Geboten quälen. Liebe? Für die handfeste Form dieser ist hier das Mädchen Luka (Klaudia Kuźmińska) zuständig, in hautfarbenem Trikot und im Schritt mit aufgeklebten Schamhaaren, räkelt sie sich routiniert lasziv und scheint dabei doch längst gestorben zu sein.

Um Kindheit betrogen

Schauspielerisch überzeugt das deutsch-polnische Ensemble hier ganz und gar. Lauter Monaden in einer Welt, wo keine mit der anderen verbunden ist. Hier herrscht die totale Entfremdung, durchbrochen nur durch den fulminanten Gesang Roksana Vikaluks: ein Urgeschöpf, halb Hexe, halb Übermutter.

So sehen wir sie hier denn, die furchtbaren Ahnen (das Wort hier einmal mit Bedacht gewählt) im oberschlesischen Grenzland der 1930er Jahre, die Janosch bis heute bedrängen und vor denen er, soweit er es vermochte, in imaginierte Kinderbuchwelten entfloh. Atmosphärisch dicht von Robert Czechowski inszeniert, dabei jedes Klischee vermeidend, immer voller Mitgefühl für das Kind, das um seine Kindheit betrogen wurde. Für Janosch ist das Leben nichts ohne Magie, aber die hat ein Doppelgesicht, das hier in dieser starken Zittauer Inszenierung sichtbar wird: Fluch und Verzauberung zugleich. An diesem Zugleich nicht irre zu werden, darin besteht die Kunst.