Regisseur Sam Brown und seine Ausstatterin Annemarie Woods haben für dieses ungewöhnliche und anspruchsvolle Diskurstheater einen auf den ersten Blick realistischen Büro-Raum in eine Zeit verlegt, in der der Nylon-Strumpf mit Naht und die figurbetonte Damenmode herrschten. Hier treffen die allegorischen Figuren als reale Menschen aufeinander. Alles mit einem Hauch der Ästhetik aus der US-Kultserie Mad Men. Alles beginnt an der Rampe mit einer marmorverkleideten Spiegel-Front auf der Damentoilette. Die Schönheit kommt zu sich, wenn sie sich sieht. Und schminkt. Irgendwann freilich ist man auf der anderen Seite der Spiegel. Dahinter dann ein Großraumbüro, in dem die Zeit der Chef ist und die Wahrheit bald wie ein Psychodoktor daherkommt. Bei Barry wiederholen sich die Szenen aus der schönen, nicht mehr ganz so neuen Bürowelt als Alptraumthriller. Da werden die verschwundenen Frauen von Männern gespielt und es geht, mit psycholanalytischem Ehrgeiz, feste drunter und drüber. Die Zeit ist jetzt ein Wurm, die Täuschung erschießt sich mal eben zum Spaß (und zur Täuschung). Und am Ende zieht das Vergnügen die Schönheit durch den Spiegel ins Wer-weiß-wohin. Überzeugend die Sekretärinnen-Schönheit Anna Patalong, mit offenem Ohr für Stefanie Schaefers Täuschung und Sebastian Kholhepps elegantem Vergnügen. Im beiden Teilen lenken Joshua Bloom als Zeit und Counter William Purefoy als Wahrheit das Geschehen. Wobei sich bei Barry der exzellente Tenor Peter Tantsits als Schönheit ebenso profiliert wie der eloquente Counter Iestyn Morris als Vergnügen.
Ließ sich Richard Baker mit dem Badischen Staatskapelle im ersten Teil von Händels melodiös kontemplativen Grundstimmung (manchmal allzu sehr) gefangen nehmen, so warf er sich mit Furor in die Beschleunigung von Barrys soghaft treibender Musik. Am Ende gab es viel Beifall für diesen spannenden Dialog mit doppeltem Boden.
