Michaela Maria Mayer (Jemmy) und Tilman Lichdi (Ruodi) in Elisabeth Stöpplers Nürnberger Inszenierung von Rossinis "Guillaume Tell".
Musiktheater,

Freiheitskampf mit Kuhglocke

Gioacchino Rossini: Guillaume Tell

Theater:Staatstheater Nürnberg, Premiere:03.03.2012Autor(in) der Vorlage:Friedrich SchillerRegie:Elisabeth StöpplerMusikalische Leitung:Guido Johannes Rumnstadt

Es würde niemanden wundern, sollten die dank Billy Wilder legendären „Freunde der italienischen Oper“ ihre Jahreshauptversammlungen demnächst nach Nürnberg verlegen. Kaum irgendwo wird diese Spezial-Abteilung von Musiktheater so hingebungsvoll gepflegt wie von Intendant Peter Theiler, der nachweislich keine Gamaschen und Handfeuerwaffen trägt, in dieser Saison aber vier der sieben Neuproduktionen für Verdi, Donizetti und Rossini reservierte. Und während man noch darüber grübelt, was in einem Spielplan der Unterschied zwischen „Schwerpunkt“ und „Übergewicht“ sein mag, hätte die Premiere von Gioacchino Rossinis Kolossal-Rarität „Wilhelm Tell“ die Bedenken unterlaufen können. Die letzte, umfangreichste und untypischste Oper des Gourmet-Musikanten erwartet vom Dirigenten und der Regie nicht weniger als kleine Wunderwerke der Interpretation. Weder der solide Kapellmeister Guido Johannes Rumstadt noch die hochambitioniert inszenierende Elisabeth Stöppler konnte damit dienen. Am Ende, nach fast vier Stunden Anstrengung, kassierten beide ziemlich wütende Buh-Rufe, kompensiert vom Beifall für den ganzen Chor und einen Teil der Sänger.

Am Anfang war die Kuhglocke. Nach Windmaschine, Donnerwetter und Vogelgezwitscher bimmelt sie noch vor dem ersten Rossini-Ton die nahe Eidgenossenschaft ein. Das Klischee ist bedient, nun kann in aller Detailfreude Weltgeschichte verhandelt werden. Ein Streichquintett aus lauter Amadeus-Doubles, die später wie Kunst-Prellböcke zwischen den Fronten auftauchen, lockt die Menschen in die Falle, denn während die Musiker zur Ouvertüre himmelwärts fiedelnd entschweben, schließt sich der Raum zum Gefängnis. Immerhin, er hat Wandtafel und Overhead-Projektor, was für Gruppentherapie unverzichtbar ist. „Freiheit Spielend Lernen“, schreiben die Unterdrückten als Entspannungsübung und dürfen an der langen Leine Wunschzettel für ein besseres Leben aufhängen. Da flattert so manches Herzchen, und es ist noch weit zur blutigen Revolution. Doch Big Brother schläft nicht. Ständig taucht per Videoschaltung der Tyrann Gessler auf, attackiert mit wechselnden Kopfbedeckungen als praktizierender Hut-Fetischist das verschreckte Volk mit diabolischem Gelächter (auch nicht von Rossini) und sitzt schließlich livehaftig mit entblößten Beinen am PC. Laptop und Unterhose, wer hat`s erfunden? Derweil nimmt die unglückliche Liebesgeschichte von Habsburger Prinzessin Mathilde und Schweizer Rebell Arnold zwischen den Fronten ihren Lauf, der Apfel-Schuss löst den Aufstand aus. Am Ende gibt es nur Opfer und einen plakatierten Text zum arabischen Volksaufstand mit dem Merksatz: „Es entstehe ein neues Bewusstsein“.

Elisabeth Stöppler, seit ihren Dresdner Arbeiten als Regie-Hoffnung gehandelt, erzählt die verwirrende Rossini-Variante der staatstragenden Story (Schweiz gegen Österreich in französischer Sprache) mit unzählbaren Assoziations-Verknotungen wie eine Parabel. Die Gefangenen könnten auch Dissidenten oder Flüchtlinge sein, die Unterdrücker auch Machthaber aus dem Bewusstseins-Archiv der Tagesschau. In Hermann Feuchters Bühnenbild, das Versenkungen für jeden Anlass bietet, ist viel Platz zum Ausbau von Denkmal-Stationen und Schattenwürfen, aber wenn bei der ständigen Verschränkung von Zeit- und Gefühlsebenen eine Florettmannschaft mit Revolververstärkung als Eingreif-Truppe gegen die heimatmuseale Armbrust-Armee antritt, sind die Bilderrätsel nicht mehr zu knacken. Da blubbert es einfach nur noch im Sammelbecken der Gedankenspiele, und der plötzliche Griff der Sänger zu Schillers Reclam-„Tell“ bringt bloß die bedingt tröstliche Auskunft, dass tödliche Berglawinen weniger schlimm sind als Tyrannen – was wohl einer Einzelfall-Prüfung bedürfte.

Guido Johannes Rumstadt, sonst in Nürnberg eher für den flotten Zugriff bekannt, steigt behäbig ein. Er betont gegen das Image vom komponierenden Leichtfuß den pathetisch stelzenden Spät-Rossini, wird im Schwermütigen schwerfällig, befreit sich und das Orchester der Staatsphilharmonie nur langsam aus dieser Zwangsjacke und schafft es am Ende mit dem Schwenk zum dramatischem Feuerwerk. Neben dem großartig singenden, als lebende Kulisse bewegten Chor (Leitung: Tarmo Vaask) ist das mit Opernstudio-Nachwuchs kühn aufgefüllte Solisten-Ensemble von unterschiedlicher Qualität. Martin Berner in der Titelrolle bleibt mit fein strukturiertem Mozart-Bariton so blass, wie Nicolai Karnolsky als bellender Gegenspieler Gessler pauschal wirkt. Leila Pfister gibt Tells Frau diskret Kontur, Tilman Lichdi singt den jungen Ruodi temperamentvoll und muss dann auf allen Vieren mit Bockshörnern als Opfer-Tier über die Bühne kriechen. Dafür garantieren der alle höllischen Höhen meisternde Tenor Uwe Stickert und die kokett auf Koloraturen posierende Leah Gordon, die ein erfrischend grotesk skizziertes Gegensatz-Paar wie Geissenpeter mit Pompadour abgeben, beklemmende und musikalisch erstklassige Momente.

Bei der Premiere, die von BR-Klassik übertragen wurde, gab es zusätzliche Irritationen. Eine indisponierte Sängerin bekam die Cover-Stimme zur Darstellung aus dem Orchestergraben, und weil die Ersatz-Sopranistin nicht alle Arien der Nürnberger Fassung beherrschte, wurden von mehreren Szenen die Endproben-Aufnahmen vom Band eingespielt. Hätte niemand darauf hingewiesen, wäre das Playback glatt als weiterer rätselhafter Regie-Einfall durchgegangen. Es macht Mühe, das positiv zu werten.