Foto: Szene mit (v.l.) Andreas Vögler, Lotte Schubert, Sebastian Kuschmann und Katharina Linder © Arno Declair
Text:Andreas Falentin, am 25. Januar 2026
Claudia Bauer gelingt am Schauspiel Frankfurt eine geschlossene Inszenierung von „Publikumsbeschimpfung“ mit einem ausgezeichneten Ensemble und mit den Mitteln des heutigen Theaters. Trotzdem wirkt Peter Handkes Text wie eine historische Fußnote.
Die Wut ist verraucht. 1966, bei der Uraufführung im Frankfurter Theater am Turm, forderte die „Publikumsbeschimpfung“ Widersprüche, vor allem Einsprüche heraus. Das Publikum äußerte sich während der Vorstellung, teilweise laut. Bei der Frankfurter Premiere im Jahr 2026 konnte man das nicht beobachten. Die Zuschauer:innen waren still, und sie applaudierten am Ende höflich und in Teilen sogar enthusiastisch.
Was ist passiert in 60 Jahren? Zunächst muss man wissen, dass die „Publikumsbeschimpfung“ eigentlich keine Beschimpfung ist – oder nur in den letzten zehn Minuten. Vorher ist es eine Art Manifest, das versucht, dem Theaterpublikum mitzuteilen, dass es Teil des Theaters ist und wie Theater als Medium funktioniert. Eine dauernde Ansprache an das Publikum ohne Rollen, ohne Handlung und ein fast gewaltsames Durchbrechen der Vierten Wand. Beides ist im deutschen Theater mittlerweile kanonisch geworden. Wir kennen Theaterstücke ohne Handlung, und das Bewusstsein, dass das Publikum Teil des Theaters ist, ist nicht mehr neu. Wie viele Inszenierungen gibt es zum Beispiel, die ihre Zuschauer:innen auf die Bühne setzten, um die vierte Wand strukturell zu brechen!
Struktur statt Widerstand
So war es klar, dass Claudia Bauer in ihrer Inszenierung nicht auf Widerstand im Publikum würde zählen können. Trotzdem nahm sie bewusst die Struktur des Stückes auf und transportierte sie behutsam, manchmal vielleicht nicht behutsam genug, ins 21. Jahrhundert.
Es begann mit einem improvisierten Prolog. Wir sehen sechs Schauspieler auf der Bühne. Torsten Flassig, Anna Kubin, Sebastian Kuschmann, Katharina Linder, Lotte Schubert und Andreas Vögler sind ein sehr gutes, fühlbar miteinander vertrautes Ensemble. Sie reden miteinander wie Schauspieler:innen in einer Probenpause. Gedankenfetzen aus der Probe sind präsent im Gespräch wie persönliche, assoziativ entstandene Gedanken. Und sie nehmen das Publikum bewusst nicht wahr. Also wird die Vierte Wand zu einer dicken Glasscheibe, zu einer fühlbaren Grenze, fast: einer Mauer. Ein Lichtwechsel (Licht, sehr fantasievoll: Marcel Heyde) leitet das Stück ein, sehr abrupt, man hört sozusagen das gebrochene Glas knirschen.

Szene mit Katharina Linder und Andreas Vögler (oben) sowie Lotte Schubert und Torsten Flassig (unten) Foto: Arno Declair
Und dann wird „Publikumsbeschimpfung“ nach und nach mit den Mitteln des heutigen Theaters erzählt oder genauer: dargestellt. Andreas Auerbach hat eine leere, aber monumentale Kulissenbühne geschaffen, mit einem gülden schimmernden Vorhang und – rechts und links von der Bühne – zwei Glasfenstern, wo man die Musiker bei der Arbeit sieht (Komposition und musikalische Leitung: Peer Baierlein) und die Schauspieler:innen, wenn sie Off-Texte sprechen oder für Video-Projektionen aufgenommen werden. Auch das ist Theater von heute: Video auf der Bühne und Gesang und Musik als dramaturgisches Mittel. Das hilft sicher auch beim Bau einer dramatischen Struktur. Hier auch gesteuert durch Wiederholungen wie Kehrverse: „Sie sind das Thema“ und „keine Illusionen!“. Natürlich kommt es trotzdem zu Illusionen, etwa in dem Teil, wo alle weiß gekleideten Clowns mit spitzen Hüten spielen, die immer wieder aus Türen herausspazieren, ein irgendwie zauberischer, choreografischer Ablauf ohne Sinn. Dazu kommen die vielen, vielen, oft sehr ausgefallenen Kostüme von Patricia Talacko.
Äußerlichkeiten und fesselnde Momente
Leider haben wir aber schnell verstanden, worum es geht. Wir weiden uns fast ausschließlich an Äußerlichkeiten, etwa den beachtlichen Gesangsleistungen im Ensemble. Obwohl es auch klare, fesselnde Momente gibt. Etwa wenn das Ensemble zwei Sitzbänke an die Rampe rollt, darauf Platz nimmt und uns Zuschauer:innen aktiv beim Zuschauen zuschaut. Hier wird der Handke-Text plötzlich Theater, bekommt eine eigene Theaterform zugewiesen.
Aber zu oft wird mit Meta-Ebenen gespielt, etwa am Schluss. Das Ensemble schimpft nicht. Es tut so, als würde es schimpfen. So entsteht eine leere Form. Man versteht, was gemeint ist, fühlt sich aber nicht gemeint. Selbst „Nazischwein“, live gesungen (das Ensemble wird live dirigiert von Salome Niedecken), berührt uns nicht: Wir sind einfach nicht gemeint.So bleibt die aktuelle „Publikumsbeschimpfung“ vor allem ein Diener der Theaterhistorie und ein Beweis, dass das Theater weitergekommen ist, aber vielleicht auch seine Verletzlichkeit, seine Leidensfähigkeit ein bisschen eingebüßt hat.