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Musiktheater,

Folter der Isolationshaft

Matthias Hermann: Die Luft hier: Scharfgeschliffen

Theater:Staatsoper im Schillertheater, Premiere:23.06.2016Regie:Hans-Werner KroesingerMusikalische Leitung:Max Renne

Es gibt Bereiche, von denen eine nachahmend realistische Darstellung besser die Finger lässt. Die Shoah gehört hierhin, und folgerichtig hat etwa László Nemes‘ Film „Son of Saul“ zuletzt wieder Diskussionen ausgelöst. Aber auch bei Folterdarstellungen ist Vorsicht geboten: Dem naiven Als-ob-Nachstellen von Folterszenen haftet schnell etwas verkleinernd Lächerliches an, übermäßige Einfühlung in die Opfer wiederum führt leicht zu einer Art opferpornografischem Voyeurismus. Und auch der Weg, den der Regisseur Oliver Frljic vor einem Jahr am Residenztheater München in „Balkan macht frei“ gegangen ist – die Foltermethode des Waterboardings mit der ganz realen Konsequenz des Würgereflexes und hochgradiger Atemnot auf die Bühne zu bringen –, scheint sich der Wiederholbarkeit zu entziehen: Reale Qualen laufen der Vereinbarung des Theaters derart zuwider, dass in besagter Szene in der Regel Zuschauer die Bühne entern und den Foltervorgang abbrechen.

Der durch die asketische Schule Helmut Lachenmanns gegangene Komponist Matthias Hermann wird sich dieser Darstellungsprobleme sehr bewusst gewesen sein, als er in den Jahren 1993/94 sein Musiktheaterwerk „Die Luft hier: Scharfgeschliffen“ schuf. Das Stück beschäftigt sich mit der Folter der Isolationshaft – ein Sujet, das es einer realistischen Darstellung ohnehin schwermacht. Hermann hat hierzu in vier Szenen Texte aus Briefen von Ulrike Meinhof, die diese 1972/73 aus ihrer Isolationszelle in Köln-Ossendorf schrieb, vertont, denen alternierend drei Szenen mit Texten des russischen Dichters Ossip Mandelstam – seinerseits Willküropfer des stalinistischen Terrors – gegenübergestellt sind.

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Anstatt in irgendeiner Form mimetisch an das Thema Isolation heranzugehen, hat Matthias Hermann aus Meinhofs Briefen eine Grundstruktur für seine musikalische Umsetzung herausgelesen: die Desorientierung. Meinhof beschreibt sie auf verschiedenen Ebenen: „das Gefühl, die Zelle fährt. (…) Man kann das Gefühl des Fahrens nicht absetzen“, aber auch: „Satzbau, Grammatik, Syntax – nicht mehr zu kontrollieren. Beim Schreiben: zwei Zeilen – man kann am Ende der zweiten Zeile den Anfang der ersten nicht behalten.“ Hermann übersetzt dieses Gefühl des Raum- und Kontrollverlustes, indem er seine Gefangene mit sechs Instrumentalisten (Klarinette, Trompete, Cello, drei Schlagzeuger) umgibt, die ihre musikalischen Figuren – oft sind es vor allem kurze, heftige, geräuschartige Attacken – nicht in einer festgelegten Reihenfolge spielen, sondern in jeder Aufführung selbst entscheiden, wann sie aktiv werden. Der Sängerin der Gefangenen ist so das Sicherheitsnetz eines kontrollierten Ablaufs entzogen, und entsprechend desorientiert muss sie ihren Part an jedem Abend neu gestalten, indem sie sich – laut dem Komponisten – „die Töne aus dem Raum holt“.

Wenn die Staatsoper Berlin zum Auftakt ihres Festivals für neues Musiktheater „Infektion!“ Hermanns achtzigminütiges Stück wiederaufführt, zeigt Olivia Stahn als Gefangene die Desorientierung im Raum immer wieder auch körperlich an: Der Versuch etwa, den Kopf in die Richtung der ungeregelt auf sie einprasselnden musikalischen Ereignisse zu wenden, mündet in eine bewusste Überforderung. Die psychischen Isolationsfolgen vermitteln sich so auf unaufdringliche, nahezu abstrakte Weise, ohne dass platte realistische Bilder aufgerufen werden müssten.

Die Staatsoper hat für diese Neuproduktion mit Hans-Werner Kroesinger einen Regisseur verpflichtet, der auch bei seinen Dokumentartheater-Projekten mehr auf die Kraft des recherchierten Materials vertraut als auf eine spektakuläre szenische Aufbereitung. Entsprechend zurückhaltend geht er auch hier zu Werke. Im von Stefan Britze entworfenen Raum in der Schiller Theater Werkstatt sitzen die Zuschauer zwischen wenig einladenden weißen Spanplatten auf Spanplatten-Kisten, hier und da sind grobe Löcher in die Wände gerissen, Neon-Licht verbreitet ungemütliches Licht, Grubenlampen flackern. Der Schauspieler Thomas Wittmann, der die Texte von Ossip Mandelstam spricht, mäandert mit verstört-ernstem Blick durch diesen Unort, schreibt mit Permanentmarker Text-Fragmente auf die Wände und versteckt kleine Zettel, als seien es Kassiber an die Nachwelt. Drei Frauen spielen mit der Gefangenen scheinbar unbefangene Kinderspiele, die zuletzt freilich in eine sadistische Pointe kippen.

Mit derlei Andeutungen begnügt sich die Inszenierung: Konzentriert und unaufgeregt werden Ohr und Auge auf die Zumutungen des Gefangenseins gelenkt. Und mehr braucht es auch nicht: Denn, ja, es muss nicht immer der realistische Schocker sein.