Es ist diese Stimmenvielfalt, die das Stück auszeichnet. Mit den deutschen Schauspielern des Celler Ensembles und einer Band aus Migranten schafft Schanz als Regisseur darüber hinaus jenen Wechsel an Rhythmus und Stimmungen, der auch mal lachen oder in den traurigen Versen syrischer Lieder von Hevi Yusef oder bosnischen Souls von Tiana Kruskic schwelgen lässt. Im Lachen und im Trauern kommt man sich womöglich immer am nächsten. In Caroline Schwarz‘ Bühnenbild aus Kofferbergen schlüpfen die Schauspieler für die Monologe und Szenen mittels weniger Requisiten wie (pommerschen) Schürzen oder (syrischer) Strickmützen in wechselnde Rollen, nehmen mal arabischen, mal ostpreußischen, mal sächsischen Akzent an. Katrin Steinke Quintana, Johanna von Gutzeit, Jürgen Kaczmarek, Maurizio Micksch, Johann Schibli und Rasmus Max Wirth gelingt das gut und vielfach zu Herzen gehend. Besonders wenn sich alle mit verschiedenen Instrumenten zu jener bunten vielstimmigen Band vereinigen, als die man sich eine Gesellschaft so gern vorstellen möchte (musikalische Leitung: Billy Ray Schlag). Der Applaus war entsprechend herzlich, langanhaltend und mit Bravos durchsetzt.
Und warum durfte sich der Autor und Regisseur dazu nicht zeigen? Nur wer im Presseverteiler des Schlosstheaters steht, erfuhr, dass Peter Schanz zwei Tage vor der Uraufführung „wegen künstlerischer Differenzen von seiner Regieaufgabe entbunden“ worden war. Als Grund wird angegeben „eine Auseinandersetzung über die Frage, wie und mit welcher Erkennbarkeit das Ensemble und die Beteiligten Musiker mit Fluchterfahrung … künstlerisch einbezogen werden“. Vergleicht man die gespielte Fassung mit der Druckfassung wird vor allem deutlich, dass sich vor den ersten Dialogen einige Schauspieler mit ihrem Privatnamen als Schauspieler vorstellen, die den Text eines Flüchtlings aufsagen, wörtlich: „dieser Mensch sagt“. Es ist genau dieser umständliche Beginn, der den Start des Stückes gelähmt hat, aber dann glücklicherweise überspielt werden konnte.
Diese Eingriffe sind doppelt ärgerlich, weil die Celler Dramaturgen offenbar ihren Zuschauern nicht zutrauen, die Bühnenwirklichkeit momentweisen Übernehmens von Identitäten zu durchschauen, wie sie ja der ständige Rollenwechsel unterstreicht, und zudem gerade die Atmosphäre changierender Identitäten von echten und gespielten Flüchtlingen in wechselnden Rollen u.a. als Musiker gestört wird. Glücklicherweise sind Stück und Ensembleleistung am Ende stärker als die Verbohrtheit der Theaterleitung. Den Autor und Regisseur aber bringt das Haus um den verdienten Applaus für seine Arbeit. Fairness und Menschlichkeit, von denen Theater so gern reden, sieht anders aus.
