Die Denic-Drehbühne dominiert auch "Aus einem Totenhaus" an der Bayerischen Staatsoper
Musiktheater,

Feuchtbiotop der Aggressionen

Leoš Janácek: Aus einem Totenhaus

Theater:Staatstheater Nürnberg, Premiere:12.03.2016Regie:Calixto BieitoMusikalische Leitung:Marcus Bosch

Das Presse-Foto einer russischen Propellermaschine in Originalgröße, gelandet für die Endproben von „Aus einem Totenhaus“ auf der Nürnberger Bühne, hatte schon eine Woche vor der Premiere Aufsehen erregt. Nicht nur bei den ständigen Freunden, auch bei Charter-Sympathisanten des Musiktheaters. Was mag da Spektakuläres geschehen im Opernhaus, war die rumgereichte Frage. Es wird auch dem Besucher der Inszenierung nicht gleich klar, wie das mit dem fliegenden Einsatz im Straflager zu verstehen ist. Wer kennt schon Leos Janaceks absolut außergewöhnliches Werk von 1928 oder gar Dostojewskis 65 Jahre ältere „Aufzeichnungen“ eigener Erinnerungen an sibirische Haftjahre, auf denen es beruht, wo ein verletzter Adler als Symbol flügellahmer Freiheit von den Ausgestoßenen gefangen und gepflegt, am Ende mit dem überraschend begnadeten Häftling aus der besseren Adels-Gesellschaft wieder losgelassen wird. Der Adler überlebt bei dieser Aufführung nur in den deutschen Übertiteln, Regisseur Calixto Bieito projiziert die Sehnsuchtsgedanken der brutalisierten Gefangenen-Gemeinschaft auf ein gebasteltes Fliegermodell aus Pappkarton, das nach kurzer träumerischer Drachenflug-Spielerei schnell zerfetzt wird. Das echte Flugzeug, das dann landet, ist nichts zum Spielen, eher die monströse Perversion des Traums. Es besetzt den Lebensraum und dient dem Lager-Kommandanten als Ersatzpalast auf Zeit.

Was Dostojewski wie einen strikt sachlichen, gegen melodramatisches Abschmecken immun bleibenden Erfahrungsbericht formulierte, stilisierte Leos Janacek aus eigenem Nachempfinden zum Entwurf besonderer Intensiv-Theatralik, die das Leid der trotz allem „furchtbar guten Menschen“ aus einem „Schicksalsstich“ erklärt, ohne es zu beschönigen. Bieito nimmt sich die Freiheit, diese Schraube weiter zu drehen bis es knirscht. In seinem Abbild eines Lagers, das weder in der Vergangenheit noch in Sibirien, sondern „irgendwo“ und jederzeit zu finden ist, sind die Menschen mindestens so furchtbar wie gut. Gezeichnet von der alles beherrschenden Gewalt, angetrieben durch die Energie von Hass, voller Misstrauen gegen jedes dieser glimmenden Gefühle, die der Komponist als „Funken Gottes“ beschwört. Überwältigend an diesem gleich von zwei Seiten an der Dostojewski-„Werktreue“ rüttelnden Konzepts ist die Entstehung eines mächtigen Dreiklangs, der Dichter-Report und Komponisten-Emphase mit der eigensinnigen aktuellen Umsetzung zum kolossalen Kunst-Pamphlet verbindet.

Bieitos Inszenierung, die auf seiner Basler Produktion von 2009 aufbaut, wischt alle malerische Jammer-Poesie beiseite. Anders als im bisher einzigen Nürnberger Versuch, wo der Maler Michael Mathias Prechtl  mit feinsinnig depressiven Stimmungsbildern die Ästhetik bestimmte, sieht man hier die aufgerissene Bühne voller Schlamm, Wasser und Blut wie ein Feuchtbiotop der Aggressionen. Aus der anonymen Masse der Sträflinge  tauchen Einzelschicksale auf, wird das Abrufen von  Erinnerungen zum Abhaken der letzten Hoffnung. Wenn die Männer in ihrer dumpfen Verzweiflung zur Ablenkung plötzlich grelle Theaterszenen aufführen, dabei von hysterischer Heiterkeit aus der Komödie bis in die reale Vergewaltigung getrieben werden, packt und schüttelt der Regisseur diese Szene wie in einem Wutanfall, lässt keinen der Beteiligten in Ruhe, wie er sie über schrille Travestie auf die Blutspur lenkt. Umso schärfer zeichnet sich dagegen die fahle Trostlosigkeit der Einzelgänger am Rande ab, die ihren Glauben bewahren, ihre Würde retten wollen. Die gern gestellte Frage, ob Janaceks „Aus einem Totenhaus“ gar kein Theater sei, sondern ein heimliches Oratorium – wer sollte sie jetzt noch stellen!

Diese radikale Inszenierung, die am stärksten im Stillstand brodelt, kann sich nur unter dem Schutz absoluter musikalischer Kompetenz entwickeln. Marcus Bosch leistet da mit der großen Besetzung der Staatsphilharmonie fabelhafte Arbeit. Er grundiert die Stimmungslage latenter Beklommenheit, aus der alles wuchert, und folgt den Spuren gebrochener Klänge wie mit einer geschärften Sense durch alle Abzweigungen. Auf den Inseln der biografischen Erzählungen versenkt er sich für Momente fragmentarischer Melodik ins Innerste der Figuren, zertrümmert die Ahnung von Wohllaut aber in der entscheidenden Wendung gleich wieder ganz im Sinne des Erfinders. Die Beherrschung dieses Klangbildes entlang von Grenzbereichen, der auch der verstärkte Chor mit ungeheurer Intensität entspricht, ist atemberaubend. So nah wie hier sind sich Regisseur und Dirigent auch in Nürnberg nicht allzu oft.

Eigentlich kann nur das ganze Kollektiv als Star dieser Aufführung genannt sein, aber einige Solisten im bestens gecasteten Männer-Ensemble sind denn doch auffällig. Kay Stiefermann, Cameron Becker und Marcel Bakonyi etwa, vor allem aber Antonio Yang. Die groß angelegte Erzählung des Gewalttäters Siskov, berühmt-berüchtigt als Herausforderung der denkbar schmerzlichsten Ausdrucksfähigkeit, ist bei dem zuletzt als Alberich und Wotan im Nürnberger „Ring des Nibelungen“ gefeierten Bariton ein Wunderwerk klingender Psychologie. Was für eine Sänger-Zukunft tut sich da auf.

Das Ende des Stückes hat seine eigene Aufführungsgeschichte. Ursprünglich wird der adelige Gefangene frei gelassen, während das Lagerleben einfach weiter eintönig seinen Lauf nimmt.  Zwei Schüler Janaceks bogen das nach dem Tod des Komponisten zum versöhnlichen Schluss um, der dann doch irgendwann als Fälschung enttarnt wurde. Calixto Bieito lässt das Pendel in die andere Richtung schwingen. Der scheinbar Gerettete, der mit dem Entlassungsschein die Rückkehr ins freie Leben  antreten will, wird vom zynischen Platzkommandanten abgeknallt. Es war alles nur Bosheit. Hoffnung ist nicht zu haben an diesem Opernabend, der Betroffenheit allerdings kann man sich kaum entziehen. Einige wenige versuchten es durch Flucht während der Vorstellung, andere durch gezielte Buh-Rufe am Ende gegen Regisseur und Dirigent. Die große Mehrheit atmete tief durch und jubelte dann ausgiebig. Da kann man sich nur anschließen.