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Feier der Kunst

Thomas Melle: Ode

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Deutsches Theater Berlin
Regie: Lilja Rupprecht   Foto: Arno Declair   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Barbara Behrendt am 21.12.2019

Der Schauspieler und Regisseur Orlando rutscht mit Putzlappen in der Hand auf Knien über die strahlend weiße Bühne. Das schwarze Wasser im Eimer färbt den Boden immer dunkler – ein Bühnenbeschmutzer, dieser Orlando. Er hat es gewagt, als weißer, privilegierter Mann in die Rolle einer minder privilegierten Putzfrau mit Migrationshintergrund zu schlüpfen – und sich auch noch ein Kopftuch umzubinden.

Bis eine Schauspielkollegin, hier Katrin Wichmann, ihm die neuen Regeln erklärt: „Du kannst doch nicht so tun, als wärst du Reinigungspersonal! Als könntest du nachvollziehen, was es heißt, anders zu sein oder woanders herzukommen. Von jetzt an darfst du nur noch über dich selbst erzählen und nie von anderen unter dir. Das Kopftuch gehört nur ihr und ihresgleichen. Du hast da nichts zu erzählen und zu stehlen.“ Besser kann man nicht auf den Punkt bringen, wie sich das Theater mit eigens auferlegten Regeln der „kulturellen Aneignung“ und der Identitätspolitik derzeit selbst in die Parade fährt!

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In Thomas Melles „Ode“ wird die Kunstfreiheit von allen Seiten bekämpft. Von rechts gibt es die Forderung nach Nationalkultur, Brauchtum, Verständlichkeit. Von der linken Seite die Frage nach Repräsentation: Wer darf für wen auf der Bühne sprechen? Was darf gezeigt werden – wenn nur noch politisch korrekte Wunschrealität zugelassen ist? Hier also das Biedermeier der nationalen Rechten – dort der ideologische Moralismus der neuen Linken. Melles Analyse: Die Verbotsattitüde von links spielt den rechten Kräften in die Hände. Er möchte die Kunst herausholen aus der grassierenden Aktualitätshuberei und ihre anarchische, zweckungebundene Natur feiern. Aus diesen Debatten ein Theaterstück zu machen, ist ein halsbrecherisches Unterfangen. Melle hat ein mit Geistesgeschichte angefütterten Text geschrieben, in dem keine Charaktere aufeinandertreffen, sondern Prinzipien in Gestalt allegorischer Figuren, die schlaglichtartig beleuchtet werden. Das mediale Stimmengewirr unserer aufgeregten Gesellschaft, dem Melle ein existenzielles Eintreten für die Kunst entgegensetzt.

Zu Beginn präsentiert die staatlich geförderte Akademiekünstlerin Fratzer (der Name ist Brechts amoralischem „Fatzer“ entlehnt und zur „Fratze“ geworden) eine Skulptur mit dem Titel „Ode an die alten Täter“ – eine Hommage an die Nationalsozialisten, die Fratzers gewalttätigen Großvater getötet und ihr selbst dadurch das Leben gerettet haben. Das (unsichtbare!) Kunstwerk wird verboten, die Künstlerin bringt sich um. Dann springt das Stück zehn Jahre in die Zukunft. Nun versucht Orlando, die Geschichte der verbotenen Skulptur auf der Bühne zu inszenieren – und scheitert an seinen Mitspielern, die weder die Rechte geben möchten, noch überhaupt jemand anderen als sich selbst.

Die Regisseurin Lilja Rupprecht verlegt das Stück in einen Kunstraum, einen weißen leeren Halbkreis von Anne Ehrlich, und fährt dann einiges an ästhetischen Mitteln auf – es wird gesungen und choreographiert, ein mediales Bilderflimmern projiziert, an die Wände gepinselt, sich selbst bemalt. Die Intention: aus dem abstrakten Diskurs Theater entstehen zu lassen. Das Ensemble, darunter Juliana Götze und Jonas Sippel vom inklusiven Ramba-Zamba-Theater, entwickelt sich zu immer eleganteren Nationalisten – bis sie in schwarz-rot-goldener Abendgarderobe die Deutschlandflagge hereintragen, als die Diktatur durchgesetzt ist.

Die Inszenierung gewinnt stets an Fahrt, sobald es ans wahre Spiel geht. Wenn Manuel Harder als privilegierter Orlando von der Bühne gejagt wird, ist das grotesk-komisch: „Dies ist also das Ende des Theaters wie wir es kennen. Wir zeigen hier den Tod des Theaters!“ Weniger gut gelingt es, die abstrakten Appelle des Textes mit Leben zu füllen. Vor allem der dritte Teil, in dem das Künstlerwesen „Präzisa“, hier in Gestalt von Natali Seelig und Alexander Khuon, eine lyrische, emphatische Ode an die freie Kunst hält, gerät allzu schwülstig.

Es ist paradox: Thomas Melle schwört auf die Zweckfreiheit der Kunst, auf das Rollenspiel – doch sein Stück gerät stellenweise selbst mehr zur politischen Meta-Analyse, zum Leitartikel statt zum Theatertext. Trotzdem: ein wichtiger, kluger Abend, bei dem man im Anschluss gar nicht anders kann als über seine Aussagen zu diskutieren.

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