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In faustischen Kerkern gefangen

Jo Fabian: Antifaust

CrossoverPremiere:  (UA)   Theater: Staatstheater Cottbus
Regie: Jo Fabian   Foto: Marlies Kross   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Antonia Ruhl am 01.03.2020

Schon die Ausgangsfrage dieses Projekts eröffnet radikale Möglichkeiten: Hat uns Goethes „Faust“-Figur heute überhaupt noch etwas zu erzählen? In dem rücksichtslosen Egozentriker, dem verantwortungslosen, weltabgewandten Vereinzelten ist der moderne Mensch sinnbildlich vorweggenommen; als Vorbild taugt er insofern mit Sicherheit nicht. Und so wagt Jo Fabian am Staatstheater Cottbus die Antwort „Nein“. Damit steht nicht nur die rechtmäßige Stellung des Werks im bürgerlichen Klassikerkanon infrage, sondern auch die Zukunftsfähigkeit eines Stoffs, der mancherorts gar als Teil einer „nationalen Identität“ in Anspruch genommen wird. „Faust I“ hatte der scheidende Cottbuser Schauspieldirektor bereits in einer interaktiven Museumsausstellung angesiedelt und mit diesem dramenexternen Setting einen distanzierten, perspektivenreichen Zugang geschaffen; Premiere war im November 2019. Damit aber nicht genug. Auf der Grundlage von Probennotaten und mit ähnlicher Besetzung entstand nun eine weitere Arbeit auf der Großen Bühne, die sich als multimedialer, installativer Kommentar, ja als mögliche Antithese zu „Faust“ ausgibt: ein „Antifaust“.

Während der 135 Minuten des Abends dreht sich die Bühne (fast) ununterbrochen im Uhrzeigersinn. Aus dem geöffneten kreisförmigen Gerüst ragt ein Kreuz in die Höhe, ein zweites, nach vorne geneigtes aus ihm heraus. Auf ihm thront zunächst Mephisto (Boris Schwiebert) als schwarzer Engel, der die Zügel vs. Ketten in der Hand hat, wobei von den Figuren hier, wenn überhaupt, nurmehr Ideen übrigbleiben, die Darstellenden als Spielerinnen und Spieler verzeichnet sind. Ein weißer Engel ist ihm gegenübergestellt. Jo Fabians Bühne verfügt zudem über mehrere Screens, die per Live-Kamera (David Kasperowski) vor allem die Gesichter der Agierenden in Nahaufnahme zeigen. Innerhalb des Gerüsts befinden sich neben den insgesamt 21 Spielenden auch die Live-Musiker Chris Hinze und Lars Neugebauer, die mit ihrer nie abreißenden Soundcollage zu zentralen Akteuren werden. Der einzige, der von Beginn an nicht ganz Teil des Betriebs ist, ist ein dem Faust zuzuordnender Spieler (Axel Strothmann), er treibt, gehörnt und ans Joch gekettet, die Maschinerie mühsam an. Dieser Beschwerlichkeit sieht man gerne zu. Elegant gekleidet, ist er trotzdem nicht Herr der Vorgänge, sondern ihr Sklave, lässt an den heutigen, vom Kapitalismus geknechteten Menschen denken. Diese Bühnensituation, in der man zusätzlich nicht mit Nebel- und Lichteffekten geizt, will viel, ist teuflischer Kreislauf, Faust’sche Kopfgeburt. Kerker.

Im ersten Teil will eine tribunalhafte, lose geführte Verhandlung Fausts Bedeutung abmessen. Faust, so heißt es im Stimmengewirr, stärkte den Deutschen stets den Rücken an den vielen unrühmlichen Stationen ihrer Geschichte; wie kann er heute noch etwas anderes sein als eine Fratze der Vergangenheit, an die man nicht gerne erinnert werden will? Weite Gewänder (Kostüme: Pascale Arndtz), Schaffelle, handwerkliche Utensilien suggerieren irgendeine biblische Vorzeit, und schon werden Hiob, der Antichrist, die Sintflut reaktiviert. Eine Frau will nach vierzig Tagen des Fastens einfach endlich was essen, für den Mephisto-Spieler bleibt indes alles ein Witz. Auf Dauer ermüdet das Auf und Ab an Geschichten und Verweisen, für die Faust-Untersuchung ergibt sich nicht wirklich ein spannender Impuls. Wie gut, dass schließlich eine Jesus-Figur auf den Plan tritt – mit dem besonderen Erlösungsangebot, sich selbst und das Christentum abzuschaffen und die Menschen wieder ihr eigenes Ding machen zu lassen. Nicht, dass sie das nicht die ganze Zeit schon getan hätten.

Mit dem nietzscheanischen Gedanken wird’s nach der Pause plötzlich aufregend. Die Dinge sind nun nicht mehr sprachlich, demokratisch auszuhandeln, der einende Mythos ist verschwunden und Gott tot. Mit dem Verebben der (live gesprochenen) Sprache erfährt der Klang eine neue Aufwertung und übernimmt das erzählerische Ruder. Die modernen Menschen sind ganz einfach unheilbar krank, liegen stöhnend herum, während Krankenschwestern mit Mundschutz sie vergeblich gesundzupflegen versuchen und man unweigerlich an Corona denkt. Die Bildschirme zeigen Bombenabwürfe, die Engel sind von ihren erhöhten Positionen herabgestiegen und geistern – der schwarze gar mit Sichel – sinnentleert herum, der blutige Jesus hängt in der Position des Gekreuzigten im Gerüst und leidet. War’s das jetzt? Nach und nach trauen sich Jesus und die Ex-Engel heraus auf die Ebene des Faust-Spielers, auch dort bewegen sie sich im Rhythmus der Bühnendrehung weiter. Die Freiheit scheint so greifbar – ein eindringliches Bild selbstgemachter Gefangenschaft.

Der Ausstieg ist möglich, doch kostet er nahezu übermenschliche Kraft. Einmal hält der Faust-Spieler den Betrieb unter großer Anstrengung an, der Klangteppich bricht ab, es ist nur noch das laute Husten und Heulen der Verelendenden zu hören. Da setzt er das Rad lieber gleich wieder in Gang – dass das keine Lösung sein kann, mahnen auch die ins Klanggewebe eingeflochtenen, eine „new world order“ fordernden Stimmen an! Kein Zweifel: Der moderne Mensch ist an sein Ende gekommen, doch vor dieser Erkenntnis verschließt er (noch) die Augen. Sein Expansionsbestreben und Entgrenzungswahn werden zu einem noch unklaren Zeitpunkt auf ihn selbst zurückfallen, verfügen über selbstzerstörerisches Potenzial. Mit dieser Einsicht folgt auch der „Antifaust“ einer zutiefst faustischen Logik.

Düstere Aussichten also, für die Jo Fabian einen geschickten Abschluss findet. Schon hat sich der rotsamtene Vorhang mit einer merkwürdigen Vereinigung von schwarzer und weißer Engelsfigur geschlossen, schon verbeugt sich das Ensemble, werden Premierenblumen übergeben, geht das Saallicht an. Die Künstlerinnen und Künstler verteilen sich daraufhin im Zuschauerraum, der Vorhang öffnet sich erneut, offenbart für weitere zehn Minuten die leere, sich drehende Bühne. Gemeinsam hört man ein zart angestimmtes, bald von gewaltsamen Tönen überlagertes Lied, schaut auf die Screens, die immer wieder neue Bilder für die Kollision von Mensch, Natur und Fortschritt finden (Video: Jo Fabian, Jan Isaak Voges, Ron Petraß), überblendet von Konjunkturverläufen und Zeitachsen bis ins Jahr 2033. Der Kampf gegen die Natur ist für den Menschen nicht zu gewinnen, die Welt dreht sich, no matter what, ob mit oder ohne Mensch. Diesmal senkt sich der Eiserne Vorhang.

Mittels klar vollzogener Brüche sind also inhaltliche Weiterentwicklungen auch in der stromhaften, teilweise gleichförmig an- und abschwellenden Dramaturgie möglich. Auch eine gewisse Geordnetheit und die Vermeidung assoziativer Reizüberschwemmung tragen dazu bei, dass Jo Fabians Installation ein erzählerisches Moment entwickelt – das Platz schafft für Historizität und für sinnliche Exkurse des Gesanges oder Tanzes. Die formale Setzung bleibt bis zum Schluss bestehen und spart das gern bediente Selbstreflexive, ja Selbstreferentielle des Theaters einmal gänzlich aus. Aufmerken lässt dieser Abend, weil er jede Lösung verweigert, die Notwendigkeit neuer Mythen und Utopien zwar benennt, aber kein Interesse an deren Erfindung zeigt; stattdessen diesen Auftrag ans Publikum abgibt. Die Radikalität des Abends besteht kaum in der vermeintlichen Ablehnung des „Faust“-Klassikers, sondern im konsequenten Durchdenken des faustischen Daseins – und beweist so dessen ungebrochene, destruktive Aktualität.

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