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Schauspiel,

Es rappelt im Matratzenlager

Coline Serreau: Hase Hase

Theater:Badische Landesbühne, Premiere:14.04.2016Regie:Arne Retzlaff

Sind wirklich schon 30 Jahre vergangen, seit die französische Filmregisseurin und Schriftstellerin Coline Serreau mit der Uraufführung ihrer Komödie Hase Hase (Lapin Lapin) Aufsehen erregte? Dabei bildet das Stück in weiten Teilen heutige Realitäten ab, auch Arne Retzlaffs Neu-Inszenierung für Die Badische Landesbühne in Bruchsal.

Sie zeigt die kleinbürgerliche Pariser Familie Hase, deren Lebenssituation ins Prekäre abstürzt – teils weil die Verhältnisse trotz Gewerkschaften übel sind, teils aus eigener Schuld. Vater Hase (Hannes Höchsmann als liebenswürdiger, kauziger Alter) wird arbeitslos, schämt sich und fährt tagelang kreuz und quer mit der U-Bahn durch die Stadt, damit es niemand merkt. Der überintelligente, irgendwie außerirdische jüngste Sohn Hase-Hase (locker mit flottem Redefluss Maximilian Wex) liest Sciencefiction-Romane und fliegt vom Gymnasium. Bébert, der älteste Sohn (zupackend  und hyperaktiv Cornelius Danneberg), täuscht sein Medizinstudium nur vor und handelt stattdessen mit Waffen. Jeannot, der mittlere (Andreas Schulz), macht sich mit Terroristen gemein und wird von „den Bullen“ gesucht. Auch die Ehen der versorgt geglaubten beiden Töchter Marie und Lucie (Katharina Heißenhuber und Jessica Schultheis) scheitern. Alle flüchten sich in die anderthalb Zimmer zu Muttern, einer zupackenden und urwüchsigen Person (Evelyn Nagel). Sie treibt, obwohl der Gerichtsvollzieher ständig vor der Türe steht, immer wieder Essbares auf und serviert der hungrigen Familienbande kalte und warme Mahlzeiten. Wie eine archetypische Nahrungsspenderin streicht sie dazu Unmengen Brote oder thront hinter dem Kochtopf und schöpft Suppe in die von ausgestreckten Händen gehaltenen Teller. Als auch noch Lucies Ex (Markus Hennes) die verschworene Gemeinschaft beglückt und die einsame Nachbarin Frau Dupperi (Cornelia Heilmann mit allerhand Chargen-Klamauk) ihr Nachtlager bei den Hases aufschlägt, rappelt es in der Kiste, beziehungsweise bei Tisch und im Matratzenlager.

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Ausstatter Dietmar Teßmann hat als Spielort mit drei Wänden und ein wenig Mobiliar eine nur zur Rampe offene, drückend beengte Einraum-Wohnung gebaut, die auf der großen Bruchsaler Breitwandbühne verloren wirkt. Zudem werden auf eine Bildwand im Hintergrund monströse Hochhaus-Architekturen projiziert, die den Elends-Vorstadt-Charakter des Wohnmilieus verstärken. Milieutypisch auch die Allerweltsbekleidung der Protagonisten, die den Unterschichtenmief geradezu ausdampft. Trotz allem werden zu lateinamerikanischer Musik turbulente Feste gefeiert, tanzt die flippige Marie auf dem Tisch, bejubeln die Gestrandeten ihr Elend, wenn die Flaschen mit billigem Wein zirkulieren, und erleben Momente familiären Glücks.

Schade, dass das im ersten Handlungsteil rasant und komödiantisch forciert ablaufende Spiel, bei dem nur an der Rampe vorgetragene (und ihre Befindlichkeit erläuternde) Monologe der Protagonisten für Ruhepausen sorgen, im zweiten Durchgang abflacht und die verschrobene Struktur des Plots implodiert. Es folgt eine Bombenexplosion mit vermeintlichem Terror-Anschlag, die Familie befreit den als Terroristen festgesetzten Bébert, und Hase-Hase outet sich als Alien, der schlussendlich die Menschheit rettet. Das ist selbst als Traum kein möglicher Ausweg.