Nicht nur die digital eingespielte Musik gliedert den Tanzabend, der im Übereinandergleiten von minutiös ausgearbeiteten Soli, Duetten und Gruppenszenen an die Überblendungstechnik von Filmen erinnert. Im ersten Teil ereignet sich zu Percussionsklängen von David Lang (Anvil Chorus) und Julia Wolfe (Lick) teils in Licht-Kegeln, teils im fußhohen Wasser ein brüchig gefügter Schöpfungsakt. Im zweiten zu Stücken aus Arvo Pärts „Miserere“ und „Tabula rasa“ überwältigt die Tänzer erotisch grundierte Leidenschaft. Klappstühle, auf denen sitzend agiert wird, symbolisieren ihre allmähliche Domestikation. Man räkelt und streckt sich, ein ganz in Schwarz gekleideter Protagonist (Tu Ngoc Hoang) spielt mit dem spritzenden Nass, sprüht herrlich vital tanzend vor wilder Lebensfreude.
Der umfangreiche letzte Abschnitt des Sutherland-Tanzstücks zu Igor Strawinskys „Le sacre du printemps“ (in einer noch nicht veröffentlichten Aufnahme der Gruppe MusicaAeterna) gleicht einer Apotheose der Vergänglichkeit. Alle Tänzer tragen hautfarbene Underwear, die sie fast nackt erscheinen lässt. Sie stampfen Rhythmusschläge in den Boden hinein, ohne dabei plump zu wirken, sondern bleiben locker-gelenkig, wirbeln temperamentvoll, hüpfeln breitbeinig, zelebrieren mit erhobenen Armen den römischen Feldherrengruß, drehen ruckartig nach rechts und links ihre Oberkörper, bilden rücklings gebeugt Körperbrücken ins Wasser, verlieren sich in einer fedrig spinnenbeinigen Fauna-Welt.
Die Pforzheimer „Sacre“-Aufführung ist keine Selbstüberschätzung einer kleinen Ballett-Compagnie, sondern der gelungene Coup ihres nach dieser Spielzeit wegen Intendanzwechsels abtretenden Chefs.
