Aufführungsfoto von „Keine Aufstiegsgeschichte“ Stückentwicklung von Marco Damghani, Olivier David und Ensemble. Eine Frau im schwarz-glitzerndem Jogginganzug schaut auf ihr Handy. Über dem linken Arm trägt sie eine perlmuttfarbene Tasche. Im Hintergrund eine Leinwand mit Schrift.

Gewaltfantasie für ein Sakko

Olivier David: Keine Aufstiegsgeschichte

Theater:Ernst Deutsch Theater, Premiere:05.02.2026Regie:Marco Damghani

„Keine Aufstiegsgeschichte“ von Olivier David am Ernst Deutsch Theater in Hamburg erzählt, wie sich Armut und psychische Erkrankungen bedingen. Die clevere Stückentwicklung von Marco Damghani und dem Ensemble findet dafür eine trick- und temporeiche Umsetzung.

Das Ernst Deutsch Theater, eines der traditionsreichen Privattheater in Hamburg, bekam zu Beginn der laufenden Spielzeit eine neue Doppelspitze – und geht seither sehr ungewohnte Wege. Auch jetzt mit „Keine Aufstiegsgeschichte“, einer „Stückentwicklung“ nach dem Roman von Olivier David, die der Autor gemeinsam mit dem jungen Ensemble und Regisseur Marco Damghani erarbeitet hat. Entstanden ist ein poppig-freches Spektakel der sehr besonderen Art.

Kollektives Ich

Gegen Ende legt die Fabel nochmal mächtig Tempo zu – und lässt sich ein auf eine erstaunlich ulkige Gewaltfantasie. Da ist nämlich Olivier, das auf der Bühne kollektive Ich aus dem Roman, immer noch verzweifelt hinter dem ordentlichen Anzug her, den er dringend braucht für die Gala einer Preisverleihung… Zumal er selbst sehr prominent ausgezeichnet werden soll; für eben den Roman, den er gerade erzählt. Ganz schön tricky hat Autor Olivier David, Hamburger vom Jahrgang 1988, die Story konstruiert. Das Theater setzt sie nun noch ein bisschen trickreicher um.

Aber zurück zur Gewaltfantasie – Freund Firo, der bullige Buddy aus der türkischstämmigen Rapper-Community, will Olivier bei der Geldbeschaffung helfen und zu diesem Zweck Schulden eintreiben. Beide fahren in Firos Karre (wiederum sehr trickreich live gefilmt!). Im Handschuhfach liegt für Freund Olivier eine Knarre bereit. Ziel des Überfalls im feineren Hamburger Stadtteil Winterhude: ein älterer Schuldner, der allein lebt. Angeblich. Tatsächlich ist dann aber beim Objekt des Überfalls in spe gerade der komplette Mehr-Generationen-Haushalt daheim, inklusive Baby, Oma und Opa, Katze und Hund. So eine vorbildliche Familie wird Olivier doch nicht überfallen helfen! Entnervt gibt er auf – und übergibt den Part des Preisträgers an den knuffigen Kumpel, der jetzt für den Rest des Galaabends „Olivier“ sein wird.

Auf Um- und Abwegen

Von Anfang an denken Roman und Stück, Autor, Regisseur und Ensemble immer wieder derart kreativ um die Ecke, in Schleifen, auf Um- und Abwegen. „Keine Aufstiegsgeschichte“ ist ein wirklich schönes Kunststück in Dramaturgie.

Und damit jetzt der Reihe nach: Die schöne Grundidee ist, dass der Olivier aus sehr prekären Verhältnissen von irgendeiner Stiftung zu Lob und Ruhm der „freien Marktwirtschaft“ (hier dem „Hanseatischen Kaufmannsbund“) einen Preis dafür bekommt, dass er ein erfolgreiches Buch geschrieben hat. Mit diesem Buch hat er sich heraufgearbeitet aus der Unterschicht, dem Loser-Abteil der Gesellschaft. Gerade Olivier sei doch ein Beweis dafür, dass jeder und jede es schaffen kann, jubelt der Kaufmannsbund. Und behauptet: „Unter Druck entstehen Diamanten“. Toll. Der Laudator könnte Fritz Merz heißen.

Aufführungsfoto von „Keine Aufstiegsgeschichte“ Stückentwicklung von Marco Damghani, Olivier David und Ensemble am Ernst Deutsch Theater. Zwei Männer und eine Frau sitzen auf einem Betonklotz. Die Frau raucht eine Zigarette.

„Keine Aufstiegsgeschichte“ am Ernst Deutsch Theater mit José Barros Moncada, Rune Jürgensen und Nina Carolin (v.l.). Foto: Oliver Fantitsch

Auch die Entstehung des Stücks zum Ehrenpreis ist übrigens Teil der Fabel, sozusagen als Stück im Stück zum Buch. Allerdings wehrt sich auf der Bühne das Ensemble gegen so eine Solo-Helden-Fabel. Zwei Frauen, drei Männer – jeder will mal Olivier; niemand mag immer nur Teil vom postmodernen Chor-Kollektiv sein. So kommt das Spiel schnell, frech und sehr flott auf Hochtouren. Denn jeder und jede spielt nun eine Episode, wie ein Level im Computerspiel. Am Ende der Szene ist immer „Game over“ zu lesen auf der Leinwand im Zentrum der fantasiesatten Drehbühne des sehr speziellen Bühnenbildners Hugo Gretler. Dann wird virtuell auf „Weitermachen!“ geklickt, und der (oder die) nächste „Olivier“ übernimmt. Das Geschlecht ist in diesem witzigen Kuddel und Muddel generell vollkommen wurscht. Gut so.

Literarischer Klassenkampf

Wer gerade nicht „Olivier“ ist, spielt alles andere: die bedauernswerte, aber nervtötende Mutter etwa, an der besonders dramatisch abzulesen ist, warum Armut und prekäres Leben unausweichlich krank machen. Olivier hat auch deswegen Depressionen, weil er sieht, wie rasant die Mutter verfällt. Oliviers Schwester, die allein erzieht, geht es auch nicht gut. Als er für sie einen Brief auf den Weg bringen will, trifft er in ganz Altona (und im Video) nur abgefackelte Briefkästen an.

„Aufstiegsgeschichte“ wird hier eben nicht geschrieben, das ist unmöglich – der Zynismus der zu Beginn imaginierten Preisverleihung wird an der Wirklichkeit gespiegelt und gemessen; und wirkt so immer widerwärtiger. Olivier Davids Bericht ist literarischer Klassenkampf, und nichts spricht dagegen, dass die Analysen des Autors stimmen.

Natürlich erinnert Davids Buch (und erinnert die Umsetzung für die Bühne durch das Team um Marco Damghani, Bühnenbauer Hugo Gretler, Kostümbildnerin Nini von Selzam und das Ensemble) stark an die Texte und Themen von Édouard Louis und Didier Eribon. Aber hier ist alles viel entspannter, lustiger, musikalischer. Kluger Klassismus, kämpferisch und klanggewaltig – da macht das neue Team am altehrwürdigen Ernst Deutsch Theater tatsächlich ein neues Fass auf.

Geschichte des Ernst Deutsch Theaters

Nur zur Erinnerung – das Ernst Deutsch Theater, als „Junges Theater“ 1951 gegründet von den Schauspielern Wolfgang Borchert und Friedrich Schütter und seit 1964 zu Hause in den Räumlichkeiten eines ehemaligen Ufa-Filmpalastes mitten in einem Wohnbau-Komplex an der Mundsburg in Hamburg, ist Deutschlands größtes privates Schauspielhaus. Der große Saal hat über 700 Plätze. „Fiete“ Schütter leitete das Haus bis zu seinem Tod 1995. Die Witwe Isabelle Vertés-Schütter folgte ihm bis ins vergangene Jahr. Jetzt arbeiten hier Daniel Schütter aus der Hausdynastie und die Regisseurin Ayla Yeginer, Tochter von Murat Yeginer, der bis vor kurzem zur Leitung vom Ohnsorg-Theater gehörte.

Das alte Ernst Deutsch Theater ist ein schwerer Tanker, das Publikum war immer treu, macht aber nicht notwendigerweise jeden Schnickschnack mit. Yeginer und Schütter junior muten ihrem Publikum derzeit einiges Ungewohntes zu. Aber „Keine Aufstiegsgeschichte“ gehört unbedingt auf die Haben-Seite in der ersten Bilanz vom neuen Team.