Ein mit Lämpchen beleuchtetes Kreuz, wie das Buch aus dem Himmel kommend, stellt jedoch die alte Ordnung wieder her. Zu unheilvoller Musik lesen zwei Mönche, nebenumwallt in dem Buch, doch zu einem „Agnus Dei“ sind sie wieder ein Mann und eine Frau in Weiß, die sich vorsichtig umtanzen, sich auf Händen und Knien bewegen, sie sich um seinen Leib windet. Sie scheinen ihre Welt, ihr Terrain ebenso zu erkunden wie abzustecken gegen die düsteren Gestalten. Das ist jedoch nicht thesenhaft dargestellt, sondern mehr zu erahnen und manchmal wird eher die Stimmung der Musik vertanzt als der Inhalt.
Dann gesellt sich zwischen die dunklen und die weißen Figuren eine dritte Gruppe, in dunklen, weiten Hosen und knappen Oberteilen, die fast derwischhaft in die Szenen hineintanzen und hörnergeschmückte Kappen tragen. Da treffen Welten und Mächte auf- und gegeneinander, die sich mischen, trennen, bekämpfen.
Eine der stärksten Szenen ist die mit einem weiteren Herrschaftssymbol, einem Thron. Den erobert sich – zum Klang einer hohen Männerstimme – ein Mann, indem er die Sitzfläche umschlängelt, sich zwischen die Stuhlbeine spannt, er scheint schon zu siegen, bis drei der Gestalten mit Hornkappen ihn vertreiben. Nicht den genauen Inhalt, aber die mystische Stimmung von Ecos Roman nehmen Pelleg und Weigert immer wieder gerne auf: Da wächst ein dürrer, weißer Baum aus dem Bühnenboden, von fünf Mönchen umtanzt; aus seinen Wurzeln entsteht ein weißes Ei, vor dem ein Mann eine Frau um seinen Körper windet und über ihren Rücken abrollt. Und schließlich lodert zu Barockklängen noch eine Feuerschale und ragt eine weiße Rose von der Seite herein.
Das sind so magisch-mythische Zugaben, über denen die beiden Choreographen aber nicht ihr Thema vergessen. Denn schließlich reißen sich die Mönche fast lustvoll die Kutten vom Leib, bis alle elf Tänzer ganz in Weiß erscheinen – erlöst? Befreit? Auf dem Weg wohin? Nicht alles ist erklärt und erklärlich an diesem 80-minütigen Tanzabend, der dennoch einen Sog entwickelt, dem man sich schwer entziehen kann. Und am Ende er- und verglüht zu Arvo Pärts „The Beatitudes“ eine rote Rose.
