Ensembleszene mit Delia Mayer im Vordergrund
Musiktheater,

Erfolg von gestern, Frau von heute

Kurt Weill: Lady in the Dark

Theater:Theater Basel, Premiere:29.10.2022Regie:Martin G. BergerMusikalische Leitung:Thomas Wise

Die wesentliche Besonderheit dieses Theaterabends liegt darin, dass er explizit in der Gegenwart angesiedelt ist und dass doch Zeit und Ort der Entstehung immer durchscheinen. Und dass dies empathisch geschieht, nicht nur gewollt, sondern auch gestaltet ist.

Besonders, was das Theater angeht, haben wir es hier mit zwei extrem unterschiedlichen Epochen zu tun. 1941 am Broadway konnte man, das aus heutiger Sicht geradezu absurde Konglomerat „Lady in the Dark“ beweist es, eigentlich alles machen, wozu man Lust hatte. Einziges Gesetz war der Erfolg. Da ließ sich beispielsweise der Autor Moss Hart gerade selbst psychoanalysieren, war begeistert davon und wollte für diese neue Therapieform werben. Oder Ira Gershwin, der Songtexter, hatte als Student ein Nonsens-Gedicht geschrieben und wollte, dass es endlich einem größeren Publikum bekannt wurde, ob nun mit inhaltlicher Anbindung oder ohne. Dazu ist „Lady in the Dark“ eigentlich ein Konversationsstück, kein Musiktheater. Kurt Weill, für den das Stück den Durchbruch in den USA bedeutete, schrieb hauptsächlich vier durchkomponierte Traumszenen, die in die Handlung eingelegt wurden und nur durch Material aus einem Lied verbunden sind. Jede für sich geht mühelos als experimentelle Mini-Oper durch.

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Psychoanalyse gegen Burnout?

Zentrum der Handlung ist eine persönliche Krise von Liza Elliott, der Chefredakteurin und Herausgeberin eines Modemagazins. Aus heutiger Sicht ist die Diagnose eindeutig: Burnout. Sie unterzieht sich einer Psychoanalyse und glaubt am Ende, die Ursache gefunden zu haben.
Eins von zwei Problemen dieses an sich sehr gelungenen Theaterabends ist, dass das Regieteam dieses offensichtlich – und zu Recht – nicht glaubt. Hier mag auch ein Grund dafür liegen, dass das Stück, das jetzt zur Schweizer Erstaufführung kam, in Deutschland seit 2014 nicht gespielt wurde und in den wenigen Inszenierungen, die es gab, brav nacherzählt wurde und deshalb erfolglos blieb. Zumindest, wenn man den damaligen Kritiken glaubt.

Man muss also etwas machen mit der „Lady“. Und Martin G. Berger macht – ohne zu zerstören. Zunächst einmal hat er die Konstellation geschickt verändert. Russell Paxton etwa, im Originalstück einfach ein Modefotograf, ist hier Lizas Stellvertreter. Dieser Machtzuwachs eröffnet dem begeisternd lockeren und präzisen Stefan Kurt die Möglichkeit, ein Unterrollenfach zu kreieren, an dem wir alle noch viel Freude haben werden: den alten, weißen, schwulen Mann. Und Lizas langjähriger Liebhaber Kendall Nesbitt ist hier nicht mehr ihr Verleger, sondern einfach ein Bänker. Was Martin Hug die Chance gibt, von der Seite und von unten schön trocken Boulevardtheater zu spielen, statt einen Elder Statesman lächerlich machen zu müssen. Und Charley Johnson (jugendlich glatt und enthusiastisch: Gabriel Schneider) muss Liza am Ende nicht heiraten und glücklich machen, sondern wird „nur“ ihr Co-Chef.

Behutsam ins Heute geholt

Der Ausgangspunkt von Martin G. Bergers Inszenierung und Bearbeitung ist das Klischee der erfolgreichen Frau – seinerzeit in USA, zumal im Geschäftsleben, ein neues, angesagtes Phänomen (auch in Hollywood, etwa in „Woman of the Year“ von 1942, mit Katherine Hepburn und Spencer Tracy). Berger analysiert es, stellt es in Frage und arbeitet sich voran zur Bedeutung von Äußerlichkeiten in der heutigen Kultur und Öffentlichkeit und zu Führungs- und Firmenstrukturen. Dafür hat er den 2011 entstandenen deutschen Text von Roman Hinze treffsicher, angenehm subtil und trotzdem pointenstark bearbeitet.

Bis man allerdings hineinfindet in diese Geschichte, das zweite Problem, dauert es lange. Weil anfangs alles theatralisch aufgemotzter Fernsehspieldialog ist. Weil Delia Mayer als Liza zwar von Anfang an die Aufführung trägt, aber lange nicht viel zeigen darf. Weil die Ausstattung von Sarah Katharina Karl (Bühne) und Esther Bialas (Kostüme) zwar sinnlich und passgenau ist, aber, auch in ihrem Anspielungsreichtum, recht kleinteilig. So sieht man eine knappe Stunde lang einer Art exotischem Breitwand-Kabarett zu. Dann kommt Randy Curtis, Topmodel, Coverboy und Lizas Lover in spe. Und die Nummer „Alles ist neu“, von Jan Rekeszus mit sahnigem Crooner-Tenor überwältigend vorgetragen, macht erstmals die beiden eingangs beschriebenen Ebenen erlebbar und führt sie zusammen.

Feuerwerk mit Webfehler

Der zweite Teil ist dann über weite Strecken ein Feuerwerk. Es wird eingeleitet von einer hinreißenden Ouvertüre, zu der Vincent Stefan ein sinnliches, intelligent mit Abstraktion und Dekoration spielendes Video liefert. Plötzlich nimmt man Chor, Orchester, Tänzer:innen, die alle einen tollen Job machen, viel plastischer war. Weil überhaupt alles doppelbödig geworden ist. Man freut sich jetzt ganz anders an Weills berühmter Chamäleon-Kompositionstechnik. Thomas Wise macht das toll hörbar, von „Dreigroschenoper“-Anklängen bis zur großen Broadway-Revue. Delia Mayer kann mit dem schlicht, intensiv und sehr ausstrahlungsstark gestalteten „Jenny“-Blues endlich zeigen, dass sie vermutlich die perfekte Besetzung für diese nicht immer dankbare Rolle ist. Und Stefan Kurt bringt das erwähnte Nonsens-Gedicht, eine – wie passend heute! – Kaskade russischer Komponistennamen, gleich doppelt zur Explosion und lässt das Publikum zweimal rasen.

Und dann kommt der Rückfall in die plumpe Psychoanalyse, das übliche Kindheitstrauma, Lisas von der eigenen Model-Mutter immer wieder postulierte Hässlichkeit, ein einsam unkommentiertes Klischee. Der Abend übersteht es, weil die Stimmung so weit oben ist. Ein Webfehler bleibt es.

Dennoch hat das Theater Basel im Prinzip gezeigt, wie man alte Stücke repertoirefähig machen kann, wenn man es kann. Fast alles ist da, viel Power, viel Witz, große Geschmackssicherheit. Es fehlt nur – ein kleines Stück Radikalität.