Am Anfang sitzen seine Schauspieler, Zeynep Bozbay, Thomas Hauser, Jelena Kuljic, Daniel Lommatzsch, Annette Paulmann, Julia Riedler und Franz Rogowski auf einer Treppe, die Katrin Nottrodt von der Bühne in den Zuschauerraum gebaut hat. Sie sprechen Jelineks Texte wie ein antiker Chor, der sich schließlich in Einzelstimmen auflöst. Die Schauspieler wandern ins Publikum, ihre Stimmen kommen von überall her, aus der Mitte der Gesellschaft, wie man so sagt. Ein Chor der Vorurteile und Verurteilungen, ein Konzentrat aus Zorn und Hass. Stemann gelingt das fast Unmögliche: Er entdeckt szenische Momente, dialogische Situationen in Jelineks Monolog, springt von einer Situation in die nächste und schafft einen Abend voll von Bildern, die im Gedächtnis bleiben: von einer verschreckten Gesellschaft, die bei dem Knall eines umfallenden Requisits kollektiv zusammenzuckt; von Propheten, die man nicht abbilden darf, von denen aber dennoch einige zumindest ganz genau wissen, wie sie nicht aussehen; von Kalaschnikows, die ins Publikum gerichtet werden. Zeitweise ist auf der Bühne so viel los, dass die Worte zur reinen Geräuschkulisse werden, im allgemeinen Shitstorm, bei dem hier tatsächlich mit selbst produzierter Scheiße geworfen wird, untergehen.
Stemann selbst führt aus dem Hintergrund durch den Abend, versorgt die Schauspieler mit Getränken und die Zuschauer mit Infos zum Zwischenstand („Wir sind jetzt auf Seite 24.“), greift auch mal zur Gitarre und singt ein Lied. Auf dem Gesprächssofa findet sich mal eine illustre Runde von Autoritätspersonen (Jesus, Ganesha, Buddha, Zeus, der Nikolaus und das Spaghettimonster), dann gibt der Regisseur mit den Musikern eine kleine aktuelle Presseschau. Die wunderbar wandlungsfähige Julia Riedler spielt ganz allein ein Dramolett sehr frei nach Thomas Bernhard: „Nicolas Stemann kauft sich eine Gitarre und geht mit mir Kaffee trinken“. Ein fiktives Gespräch mit Jelinek. Über den Text, fehlende Rollen und den Rest der Welt. Eine Satire, eine Karikatur, die keine Strafverfolgung nach sich ziehen muss, wie Stemann selbst nicht müde wird zu betonen.
Sehr viel ist gut an diesem langen Abend. Spätestens nach der Pause aber, die keine ist, ist irgendwie die Luft raus. Denn auch wenn der Text ohnehin schon lang ist, wird vieles mehr als oft wiederholt, während andere Aspekte wie die antiken Bezüge, die Jelinek herstellt, gar nicht vorkommen. Das Ganze zieht sich in die Länge, ein Erkenntnisgewinn bleibt aus, Neues kommt wenig hinzu, bis die Aufführung mit einem chorischen Gebet („Herr, steh auf, dass nicht Menschen die Oberhand gewinnen!“) und einem düsteren Fazit endet: „Wenn alles tot ist, ist alles gleich.“ Erst dann also.
