Denn die Körper sagen genug. Wie sie langsam rollen, als drücke doppeltes Gewicht sie zu Boden. Wie sie stehen und sich verbiegen, wieder aufrichten, wieder verzerren, verzerrt werden von etwas, das man nicht sieht, vielleicht nur hört. Plötzlich rennen sie, als eine Art Herzschlag ertönt und sich die elektrifizierten Streicherklänge in die Ohren bohren. Sie laufen als Gruppe wie in einer großen schwappenden Welle über die Bühne, hin und her, Einzelne bleiben in der Mitte des Felds übrig, werden beim nächsten Schwall wieder mitgenommen, ein anderer steht da nun. Ausgetauscht. Oder zwei. Sie tanzen, nah beieinander, mit luftigen Armen. Drei Sekunden dauert diese Geschichte oder ihr Leben dort, dann werden sie wieder mitgerissen. Einer widersteht wie ein Baum dem Schwung, der ein paarmal an ihm vorbeirauscht und schließlich ausfranst. Ein Paar hat dann den Platz für sich. Die beiden tasten, fühlen die Luft und schauen wie Entwurzelte in eine ihnen fremde Welt. Legen sich schließlich auf eine Linie, die anderen dazu, sie bilden ein Mäuerchen oder eine Genealogie.
Das ist die Stärke von Alexandra Waierstall, die seit zehn Jahren in Düsseldorf choreographiert und damals bekannt wurde mit „Crossing Borders“, inspiriert von ihrer geteilten Heimatstadt Nikosia auf Zypern. „A city seeking its bodies“ wirkt wie eine feine Synthese daraus und aus ihren folgenden Stücken, die sich mit Zeitlichkeit, mit Generationen und mit Wind und Wasser beschäftigten. Indem sie ihre sechs famosen Tänzer hier stets an der Grenze, in der Grenze, mit der Grenze zwischen Mensch und Ding, Gewächs, Tier, Erde, Luft agieren lässt. Zwischen Bleiben und Vergehen. Zwischen Mechanik, in pendelnden Armen, und genussvoller Bewegungsfreiheit des Ausgreifens und Schwebens. Man muss nur gut hinschauen können. So wie die Tänzer am Ende ruhig sitzen und in dieselbe Richtung schauen wie wir. Wie an einem Ufer.
Die Choreographie findet in der „Stadt, die ihre Körper sucht“ ? in dem Thema der verlassenen oder verwüsteten Orte ? Spuren von menschlichem Leben. Es sind also eher Andeutungen. Das ist konsequent und lässt einen doch nach fünfzig Minuten mit dem Wunsch nach mehr zurück. Mehr Raum für die Tänzer und den Tanz. Andererseits sind die Flüchtlinge in den hiesigen Bahnhöfen und Behelfshallen so real, bodies seeking its city; da wäre in einem Stück über verlassene Städte ein anhaltender ästhetischer Genuss verkehrt. Auch die melancholischen Ideen, die zuweilen in Hauschkas Komposition bei Cello oder Klavier aufscheinen, seinem Album „Abandoned Cities“ von 2014 entnommen, schrammen deshalb fast den Kitsch. All die Musiker sind leider auch eine visuelle Bürde für das Stück, das eigentlich einen riesigen Horizont hat. Diese Spannung zwischen der immensen Weite des gedanklichen Blickes und der scheinbar einfachen Aktion der sechs Tänzer macht seine Qualität aus. Das ist gewagt.
