In einem einer Rumpelkammer gleichenden Proberaum unter dem Dach spielen die vier Okkupanten in Barocker Tracht, gepuderter Perücke und Sonnenbrille Schuberts Quartett „Der Tod und das Mädchen“. Doch erwartungsgemäß geht das nicht lange gut. Schon bald werden sie von diabolischem Baulärm übertönt, der den ganzen langen Abstieg durchs Treppenhaus in bekanntere Gefilde begleitet. Aber kommt dieser ohrenbetäubende Maschinenlärm nicht auch von Streichinstrumenten? Oder spinne ich jetzt?
Spätestens als das versprochene 3. Streichquartett „Grido“ von Helmut Lachenmann im heimisch wirkenden Foyerbereich erklingt, wird der Sinn der von Alexander Charim inszenierten Konzertinstallation „Bismarckstraße 35“ klar. Von dieser Gehörschulung – oder besser: Wahrnehmungsdehnung – auf die Relativität und Spannbreite von Geräusch und Klang eingeschworen, wirkt Lachenmanns Musik im Kontrast vollkommen transparent, geradezu vertraut. Auch die Musiker haben sich ihrer Verkleidung entledigt und treten wieder in gewohnter schwarzer Konzertkleidung auf, als wäre nie etwas gewesen. Nur ein leichtes Schmunzeln huscht ihnen anfangs noch übers Gesicht, bevor sie mehr und mehr in der Intensität des breiten Klangspektrums versinken. Hören zu lernen in Lachenmanns Sinn der positiven Verunsicherung, ist die Idee des so witzig wie absurden Gangs durch das dunkle Haus. Akustische Geisterbahn. Prädikat: Pädagogisch wertvoll.
