Image

Ein alter Witz

Sasha Marianna Salzmann: Die Aristokraten

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Schauspiel Hannover
Regie: Paulina Neukampf   Foto: Isabel Machado Rios 
Von Jan Fischer am 21.10.2016

Ein riesiger, grinsender Plastikschädel auf der Bühne. Große, runde Spiegel. Der erste Satz, der in Paulina Neukampfs Inszenierung gesprochen wird: „Von hier oben sehen sie aus wie Ratten.“ Carolin Haupt als Sascha, die einen der Spiegel dreht, das Scheinwerferlicht einfängt, es auf das Publikum lenkt. Ja, es ist eine von diesen Inszenierungen.

„Die Aristokraten“ heißt das Stück, geschrieben ist es von Sasha Marianna Salzmann, inszeniert hat es Paulina Neukampf auf der Cumberlandschen Bühne des Schauspiel Hannover. Folgende Geschichte: Irgendeine Apokalypse hat stattgefunden, ein Krieg, jedenfalls rollen die Panzer, krachen die Gewehre, liegen die Leichen auf den Straßen. Schura (Sebastian Weiss) hat sich da durchgekämpft, um zu Sascha zu kommen. Es gibt eine gemeinsame Vergangenheit der beiden, eine Art von Beziehung, aber irgendwie auch nicht. Die beiden nähern sich an. Driften auseinander. Fragen sich: Wie jetzt weitermachen, wenn es keine Zivilisation mehr gibt, kein Essen, nichts? Herzstück des Stückes ist ein alter Witz, der immer nur einmal erzählt werden kann, aber immer wieder erzählt wird.

Eine von diesen Inszenierungen heißt, es wird viel geschrieen dabei. Einmal lacht Sascha lange und ein wenig irr. Ein wenig mit Wasser gespritzt. Mit einem Baseballschläger umhergeschlagen. Mit Mirkrokabeln gefesselt. Die vierte Wand wird durchbrochen, Tabus auch. Erzählungen von Sex, Prostituion, Tod, stinkenden Körpers. Eine Vergewaltigung findet fast statt. Sascha und Schura turnen an einem Gestänge herum, das auf der Bühne steht. Es wird sich verortet, in einer Beziehung, in einer Gesellschaft, in einem Krieg, in einem Leben, nichts steht für sich, alles ist vernetzt und muss reflektiert werden. Zivilisation löst sich auf, was kommt danach, was heißt das überhaupt, Zivilisation, auflösen? Und was war davor? Das muss auch reflektiert werden.

Und lohnt sich das? Sasha Marianna Salzmanns Text ist ein dichter Klumpen an Ideen, die poetisch übereinandergeschichtet sind und nur locker von der Apokalypse zusammengehalten werden, die da draußen stattfindet, und eigentlich ist der Text ein Stück zuviel für die Bühne. In seinen Bildern und Dialogen wird eine Menge verhandelt, oft unsortiert, ein wenig assoziativ. Das macht ihn nicht zu einem schlechten Text, aber zu einem anstrengenden. Sebastian Weiss und Carolin Haupt spielen Schura und Sascha mit Elan und viel Körpereinsatz, mit viel Freude und wahrscheinlich auch dem ein oder anderen blauen Fleck nach der Aufführung. Manches ist überspielt, ein wenig nervig, wie beispielsweise Saschas lange andauernder Lachanfall. Aber das ist dem Text, der Stimmung der Inszenierung geschuldet. 

Weitere Kritiken

Soziale Dissonanzen
Soziale Dissonanzen

„Opéra-rituel de mort“ untertitelte Claude Vivier seine 1980 uraufgeführte Oper …

Claude Vivier: Kopernikus
Kunstfestspiele Herrenhausen
Premiere: 10.05.2019
Keimfrei gegen Jogginghose
Keimfrei gegen Jogginghose

Wollen wir das perfekte Leben? Ist eine Welt, in der jeder Mensch immer alles richtig…

Nach H. G. Wells: Menschen, Göttern gleich – oder: Veddeltopia
Deutsches Schauspielhaus Hamburg
Premiere: 14.12.2019 (UA)
Spiel der Neurosen
Spiel der Neurosen

Durch einen Vorhang, bestehend aus goldglänzenden herunterhängenden Streifen, treten vier…

Georg Büchner: Leonce und Lena
Theater Aalen
Premiere: 03.07.2020