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Düstere Apokalypse mit Hoffnungsschimmern

Ricardo Fernando: Winterreise

StreamGestreamt am:  Premiere:  (UA)   Theater: Staatstheater Augsburg am martini-Park
Regie: Ricardo Fernando  Musikalische Leitung: Domonkos Héja  Komponist: Franz Schubert, Hans Zender   Foto: Jan-Pieter Fuhr   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Vesna Mlakar am 07.11.2020

Ein Wanderer, getrieben von Gestalten seiner Erinnerung und einem musikalischen Sog. Seine Reise hat ihn und tanzende Begleiter auf ein verwaistes Landgut geführt. Dessen gute Zeiten gehören längst der Vergangenheit an. Nebel hängt in der Luft. Die Fenster sind trüb oder zerborsten. Im diffusen Licht unter einem offenbar löchrigen Dach ragt ein kahler Baum gen Himmel. Der hat keine Blätter. Es ist schließlich tiefer Winter.

Türen, Vorsprünge und eine kleinere Bodenluke, die sich gelegentlich öffnet, durchbrechen die verschlissenen Wände (Bühne: Peer Palmowski). Sie fungieren wie Tore zwischen der zurückgelassenen Außenwelt und dem düster-melancholischen Seeleninnern des letztlich ziellos einsam Umherirrenden. Bild für Bild werden sie von traumhaften Kreaturen, allegorischen Geschöpfen und Fabelwesen aus Gedankengespinsten durchschritten. Als Tenor Jacques le Roux zum zweiten Lied „Die Wetterfahne“ ansetzt, fegt mit Jayson Syrette der Wind in den ehemaligen Salon. Serpentinentänzerin Loïe Fuller mag für den weiten Tuchumhang und die armverlängernden Stöcke Patin gewesen sein.

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Immer wieder queren eine unter roten und eine unter silbrig-weißen Pailletten feudal verhüllte Figur ohne Gesichtszüge die Bühne (Ana Isabel Martins Casquilho, Giovanni Napoli). Um zu verstehen, dass es sich hier um zwei Vertreter des Todes handelt, muss man allerdings den Programmzettel zu Rate ziehen. Klar zu erkennen sind dagegen sechs agile Hunde (Martina di Giulio, Afonso Pereira, Cosmo Sancilio, Gonçalo Martins da Silva, Emily Yetta Wohl, Moeka Yugawa), eine revierwütige Krähe (Martina Piacentino) und vier kahlköpfige Vögel (Franco Ciculi, Cosmo Sancilio, Emily Yetta Wohl, Moeka Yugawa). Gonçalo Martins da Silva verleiht einem Hirsch beeindruckend butterweich Gestalt. Dieses Tier geht genauso geschmeidig seinen Weg wie das ihm vom Kopf abstehende, übertrieben geschwungene und in sich verschlungene Geweih dekorativ wirkt (Kostüme: Stephan Stanisic).

Ricardo Fernandos Tanztheaterabend „Winterreise“ beginnt mit einer Gruppe von Weggefährten in langen Kapuzenmänteln. Jeder trägt einen Koffer mit sich herum. Hinten in einer Ecke leuchtet kurz das Wort „fremd“ auf – einem inhaltlichen Wegweiser in Großbuchsstaben gleich. Damit ist im Wesentlichen schon das strukturelle Gerüst des gesamten Stücks beisammen. Alles Zutaten eines kreislaufartigen Reigens durch einen Kosmos aus Zuständen von Ermüdung, Kraftlosigkeit, Auflehnung, Verzweiflung, Stillstand, seelischen Turbulenzen, einem Sich-Aufbäumen und leichteren Momenten des Sich-Beruhigens. Lied für Lied, stets zum Rhythmus der Musik.

Die tragende Hauptrolle belässt Augsburgs Tanzspartenleiter und Chefchoreograf in einer fast apokalyptisch düster inszenierten Uraufführung eindeutig beim Sänger. Auch wenn die markanten Umrisse des gebürtigen Südafrikaners, der seit 2019 Ensemblemitglied am Staatstheater Augsburg ist, ab und an im Dunkel verschwinden. Mit subtiler Stimme verarbeitet er die bittersüßen Grautöne der Trauer und Ausweglosigkeit und kommt dabei selbst körperlich mit wenig Bewegtheit beziehungsweise kaum Interaktionen aus. Und wenn, gehen diese eher von seiner Entourage aus – beispielsweise dem Schnee aus seinem Koffer werfenden Mann (Cosmo Sancilio).

Im Gegenzug bringt Ricardo Fernando – choreografisch recht naturgetreu – nicht nur Zwei- und Vierbeiner zum Tanzen. Sogar Bäume (Franco Ciculi, Afonso Pereira, Momoko Tanaka, Moeka Yugawa) grooven. Allen voran der im fünften Lied thematisierte Lindenbaum (Gabriela Zorzete Finardi) mit königlich in grün ausladendem Gewand. Die besungene Wasserflut kann man in einer Schleppe und den langen Haaren der Tänzerin Sewon Ahn wiederfinden. Manchmal macht das Outfit fast mehr her als Schritte und Gesten. Konsequent sorgt das treffliche Lichtdesign von Ernst Schießl für eindrucksvolle Stimmungen.

Momoko Tanaka düst als personifizierter Sturm auf Spitzenschuhen durch den Raum und schleudert ihre gestreckten Beine in die Luft. Solange der Frühling (Afonso Pereira) munter herumhüpft, wackelt der Schwarm Schmetterlinge auf seinem Kopfputz mit. Rastlose, detailverspielte Atmosphäre, die den Zuschauer bei der Stange hält. Doch im Stream, ohne durchgehende Totale verliert die Produktion viel von ihrer sonstigen Kontinuität. Im Live-Erleben teilt sich so ein Abend einfach besser und vor allem körperlich-unmittelbarer mit. Durch wechselnde Kameraperspektiven zum Zweck von Naheinstellungen können gewiss wichtige Augenblicke leider nicht eingefangen werden, werden starke Formationen, Variationen eines Tänzers oder die Entwicklung eines Duetts im Raum beschnitten.

Am Ende: drückende Stille. Weder Applaus noch sonst ein Geräusch. Nicht einmal die vielen Musiker sind mehr hör- oder sichtbar. Dabei hatten die Augsburger Philharmoniker gerade noch so beherzt in ihre Instrumente geblasen und gegriffen – für maximale Lebendigkeit der bilderreichen Tristesse und der emotionalen Schauer von Schuberts „Winterreise“ in der Fassung von Hans Zender. Der im Oktober letzten Jahres verstorbene Komponist hat den 24 Lieder umspannenden romantischen Zyklus für Singstimme und Klavier auf Gedichte von Wilhelm Müller mit allerlei akustischen Zusatzeffekten farblich weiter nuanciert und zu einem großen Orchesterstück expressiv verdichtet. Nebst Akkordeon, Gitarre und Melodica mischen ein riesiges Schlagwerk, drei Windmaschinen und zwei Bretter mit. Da geht akustisch die Post ab, weshalb sich schon John Neumeier 2001 in Hamburg, Tim Plegge 2017 in Wiesbaden oder Christian Spuck 2018 in Zürich choreografisch mit Zenders „komponierter Interpretation“ auseinandergesetzt haben.

Auch in der neuen Augsburger Produktion werden die Tänzerinnen und Tänzer Szene für Szene von ebendiesem selten melodisch sanften, bisweilen recht rauen bis zu stürmisch-aufbrausenden Schubert/Zender-Sound getragen. Diese Fülle an Klängen und Geräuschclustern bloß mittels digitaler Live-Übertragung zu erleben, ist bitter. Dafür konnten – einzig gut an den unerfreulichen Umständen – Freunde, Bekannte und Familien der aus zahlreichen Nationalitäten zusammengesetzten Kompanie überall auf der Welt am Tanzauftakt in die Augsburger Spielzeit 20/21 teilhaben.

Nach eineinhalb Stunden gipfelte die zwar live performte, ansonsten aber rein digitale Premiere in Funkstille. Tänzer und Tenorsolist Jacques le Roux verbeugten sich auf der Bühne der Spielstätte im martini-Park, lediglich verfolgt von Kamera und Lichtregie. Zum lautlosen Dank für ihre Leistungen durften die Solisten Spot für Spot einige Sekunden lang herausgestellt in Helligkeit glänzen. Dann traten noch kurz für eine Verbeugung, auf die kein Widerhall aus dem Saal kam, Dirigent Domonkos Héja, der Choreograf und sein künstlerisches Team auf. Eine ziemlich beklemmende Situation. So etwas müsste mal unseren Kulturpolitikern aufgezwungen werden, die Künstlern ohne nachvollziehbare Notwendigkeit ihr Publikum vorenthalten und die uns Zuschauern in Krisenzeiten – trotz nachweislich erfolgreicher Hygienekonzepte in Theatern – kulturelle Ablenkung untersagen.

Die Augsburger Interpreten waren von den Ereignissen überrollt worden. Aufgrund der von der Stadt verhängten strengeren Corona-Maßnahmen wurde kein Zuschauer zur Uraufführung am 31. Oktober mehr zugelassen. Sogar vom hauseigenen Personal durfte – bis auf die unabkömmlichen Mitarbeiter der kurzfristig aus dem Boden gestampften Live-Übertragung – niemand mehr in den großen Saal. Kein Zustand, den Theater und ihre Künstler lange nebenwirkungsfrei überstehen.

Vorerst feilt das Staatstheater Augsburg daran, Ricardo Fernandos „Winterreise“ bald als Video im Pay-per-View-Verfahren über die hauseigene Homepage zugänglich zu machen. Darüber hinaus will man, sobald das wieder erlaubt ist, „Winterreise“ möglichst oft vor Publikum spielen. Live. Wie im Stück selbst stirbt die Hoffnung bekanntlich zuletzt.

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