Deshalb wirkt der moralische Diskurs um Verantwortung und Voyeurismus wie drangefriemelt, gewinnt kaum Dringlichkeit, da die unterschiedlichen Positionen nicht von gleich beeindruckenden Darstellern vertreten werden. Ebenso gerät der Wettstreit um die richtige Lebensform in Schieflage. Wenn sich Jamie (Heinze) mit alleinerziehender Mutter im Handumdrehen in ein Familienleben hineininszeniert und Mandy (Thomass) ihren Kinderwunsch durchzieht, sind das nur amüsante Behauptungen. Leslie Malton überragt alle an Präsenz, weckt dabei überreichlich Sympathien für Sarah. Sie weiß, dass sie mit dem Leiden anderer Menschen ihr Geld verdient, verarbeitet das mit dem Zynismus einer Mutter Courage und kämpft um politische Korrektheit: Sie wolle nur dokumentieren, damit aufrütteln, so für das Mitleid der Welt kämpfen und zur Hilfe animieren. Eine Lebenslüge, klar. Während des Vietnamkrieges halfen noch Fotos, politische Verlautbarungen zu demaskieren, die öffentliche Meinung gegen den Krieg zu wenden, weswegen das US-Militär im Irak geradezu ein Bilderverbot verhängt hatte. Und heute? Kabarettistisch böse ist die finale Pointe: Sarah veröffentlicht ihre Gräuel-Bilder über die Schrecknisse des Krieges in einem Hochglanz-Kunstband, der als Alibi und Imageprodukt der Betroffenheit auf Wohnzimmertischen in den Lofts der Schicken und Reichen drapiert werden wird. Ulrich Waller präsentiert dieses Milieu höchst realistisch auf der Bühne, zeigt vor allem die Schrecknisse ihrer Beziehungen – gibt mit disparatem Ensemble aber der Kinder-Küche-Kleinfamilien-Ideologie kaum eine Chance.
