„Hier stehe ich, ich kann nicht anders“ – ein wenig erinnert Roths Verhalten an das Luther-Zitat. Sie verleiht dem Nachdruck, indem sie sich mit dem Bolzenschussgerät die Füße am Boden festtackert. Wobei sie – eine eigenartige Schlusspointe des Textes – sich in der Radikalität der blutenden Wunden die Wissenschaftlerin und der Fundamentalist sehr nahe kommen. Roth radikalisiert sich im Laufe der Handlung ebenso wie Benjamin – und am Ende kann sie, im Gegensatz zu ihm, tatsächlich die Wunden Jesu herzeigen. Was zunächst – durch ihren starken Standpunkt – als Sieg der einzigen Sympathieträgerin der Inszenierung aussieht, bekommt so eine gewisse, bittere Ambivalenz.
Schade ist, auf den ersten Blick, dass Mayenburgs Figuren eher Typen sind als Charaktere. Mutter, Direktor, Lehrer, der Pfarrer, Mitschüler, darunter auch Benjamins Jünger Georg Hansen (Moritz Kahl), der mit seinem Apostel eine einseitige homorerotische Beziehung pflegt, selbst der mit Bibelversen umherwerfende Benjamin erweisen sich als recht flach ausgedacht. Das Ensemble schlüpft angetan in kunterbuntem 80er-Jahre Ornat und mit großer Freude an der Übertreibung in diese Karikaturen von Mayenburgs – sie bleiben dennoch Karikaturen.
Dennoch ist vielleicht gerade diese starke Typisierung die Stärke des Textes und der Inszenierung. Denn letztendlich spielt es kaum eine Rolle, ob es nun Bibelverse sind, die Benjamin als flammendes Schwert der einfachen Welterklärungsmodelle schwingt, oder Koranverse oder Glaubenssätze vom rechten Rand. Witzigerweise treffen sich sogar alle drei in zweien der konkret ausgeführten Konflikte des Textes: Im Sexualkundeunterricht und im Antisemitismus.
Somit inszeniert Rieder in Göttingen Mayenburgs Text zwar eher spartanisch und werktreu – holt aber eben auch einen recht alten Text (geschrieben wurde der 2012) zum Thema Radikalisierung wieder hervor, der gerade durch die starke Typisierung nach wie vor stark aktuell erscheint. Ob in die Religion, nach Rechts, in diverse Verschwörungstheorien: Es geht in dem Text ums Abdriften dorthin, um die gefährlich-absurde Attraktivität radikaler Ideologien, um die Hilflosigkeit derer, die damit konfrontiert werden oder beschließen, einfach alles mit viel buntem Glitzer zu überstreuen, damit es weggeht. Und eben um die Frage: Wie dieser Radikalisierung entgegenwirken? Zur Not tackert man sich halt am Boden fest, geht dagegen an, bleibt stehen, und sagt: „Ich bin hier richtig.“ Auch wenn das nicht unbedingt die eleganteste Lösung ist.
