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Die Zukunft von damals

Tom Stoppard: Die Küste Utopias 2 + 3

SchauspielPremiere:  (DSE)   Theater: Hessisches Staatstheater Wiesbaden
Regie: Henriette Hörnigk   Foto: Karl und Monika Forster 
Von Michael Laages am 28.06.2021

Als hätte Tschechow schon lange vor Tschechow und Gorki noch viel länger vor Gorki geschrieben; und als hätte Iwan Turgenjew (neben Alexander Herzen und Michail Bakunin eine der durch alle drei Stück-Teile gehenden historischen Persönlichkeiten) ein weiteres, bis heute unbekanntes Meisterwerk wie „Ein Monat auf dem Lande“ hinterlassen, möglicher Titel: „Aufstieg, Fall und Echo der Revolution in Europa“.

Mit der in jeder Hinsicht verblüffenden historischen Camouflage „Die Küste Utopias“ hatte sich der englische Dramatiker Tom Stoppard bald nach der jüngsten Jahrtausendwende, also mitten im Umbruch, eine Epoche angeeignet, deren Heldinnen und Helden vor eineinhalb Jahrhunderten den revolutionären Bewegungen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts voran gegangen sind. Stoppard wird 84 in diesem Jahr, er ist ein „Sir“ und blieb kreativ mit Theatertexten und Drehbüchern. Wolf Christian Schröders Übersetzung aller drei Teile von „Die Küste Utopias“ lag lange in den Theater-Dramaturgien, endlich zeigt das Staatstheater Wiesbaden dieses monumentale Epos jetzt komplett: Henriette Hörnigk, Chefdramaturgin und Matthias Brenners Stellvertreterin in der Leitung vom Neuen Theater in Halle, inszenierte „Aufbruch“ am Beginn der Spielzeit und legt nun mit „Schiffbruch“ und „Bergung“ die Teile 2 und 3 vor. Das Staunen hält an – dies ist nichts weniger als ein Meisterwerk über eine Zeit weit vor der Zeit. Ganz ohne jede Anstrengung wird es zum erschreckenden Echo für unsere Gegenwart, für Um-, Auf- und Zusammenbrüche des 21. Jahrhunderts.

Teil 1, den „Aufbruch“, erlebte das Publikum im ganz alten Russland, lange vor Tschechow und Turgenjew, der Teil vom „Aufbruch“ ist und gerade zum Dichter zu reifen beginnt. Noch saßen alle mit allen am Tisch auf dem Landgut der Familie des späteren Anarchisten Bakunin, sie aßen, tranken (viel), redeten (noch viel mehr), träumten (am allermeisten), lachten und liebten: ein Wimmelbild auf Tom Stoppards philosophischer Hintertreppe. Lesend, lernend und denkend eigneten sich die zentralen Figuren an der „Küste Utopias“ die damals (und ja immer noch!) aktuellen intellektuellen Welterklärungs- und Erneuerungsmodelle an; immer übrigens im typisch russischen Minderwertigkeitsgefühl der Zeit. Abgehängt von allen Vorwärtsbewegungen der Zeit sahen sich die Intelligenzler Mitte der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts, immer atemlos damit beschäftigt, den Zentren der modernen Welt zehn, zwölf oder noch mehr Jahre hinterher zu hecheln.

Stoppard formt aus lauter noch im Detail authentischen Figuren das kleine russische Welttheater der vorvorvorrevolutionären Zeit; alle sind Teil eines intellektuellen Echoraums für die Revolutionärinnen und Revolutionäre, die nach ihnen kommen. Aber im Russland des Zaren können sie nicht bleiben – den „Schiffbruch“ (Teil 2) erleiden sie alle im Westen, an verschiedenen Orten des Exil – genau in jenem „modernen“ Europa, dessen innovative politische und gesellschaftliche Ideen und Philosophien sie doch so hingebungsvoll übertragen wollten auf das armselige, noch in der Leibeigenschaft verharrende, politisch zurück gebliebene Russland. In der Fremde wird der umtriebige Journalist, Philosoph, Schriftsteller und politische Stratege Alexander Herzen zur prägenden Figur im Stück; und er durchlebt fürchterliche Katastrophen, politisch wie familiär.

Der deutsche Journalist, Schriftsteller und Mitstreiter Georg Herwegh, ein Hallodri der Extraklasse, macht ihm Natascha abspenstig, die geliebte Frau; sie stirbt bald nach dem tödlichen Unfall des in den allersten Jahren taubstummen Kindes. Überhaupt und generell mischen sich vom zweiten Teil an die familiären mit den politisch-strategischen Katastrophen der Revolutionäre im Wartestand. Privates Leben macht unübersehbare Wandlungen durch (und zerbricht immer wieder), während politisch der Widerspruch zwischen Reform und Revolution immer zerstörerische Ausmaße annimmt. Herzen bleibt stets der passionierte Reformer, der alle mitnehmen möchte in die bessere Zukunft, während die Bakunin-Fraktion sich sicher ist, dass vor dem leuchtend Neuen die Vernichtung alles Alten stehen muss.

Spielt Teil 2 überwiegend in Paris und Italien, sind wir zur „Bergung“ nach London geladen. Hier treffen sich die Revolutionäre, aus Italien und Polen, Frankreich und Deutschland, und auch Karl Marx persönlich ist zu Gast bei den exilierten Russen. Einverstanden ist kaum jemand mit ihm und dem deterministischen Denken des Marxismus. Derweil zerfallen Familien, neue formen sich. Sicherheit gibt’s nirgends. 1865, fünf Jahre vor Alexander Herzens Tod, klingt das Epochenstück aus – ahnungsvoll zuversichtlich und hoffnungslos zugleich.

Nie werden diese dreimal drei Stunden Theater langweilig. Was zuallererst an Stoppards extrem sicher und fein gestrickter Sprache (und Schröders Übersetzung) liegt – dann aber gleich auch an Henriette Hörnigks Inszenierung, die virtuos mit Gruppen und Solisten umzugehen weiß, die Handlung mal forciert und mal entschleunigt und den generell eher präpotenten Mannsbildern kluge, erotisch anspruchsvolle Frauen gegenüber stellt. Das Ensemble ist dabei wirklich eins; stellvertretend für dessen nie versiegende Energie steht Matze Vogel in der immer zentraleren Herzen-Figur. Mit Kostümbildnerin Claudia Charlotte Burchard und Sound-Gestalter Bernd Bradler hat Hörnigk aus Halle starke Partner mitgebracht und die Bühne von Gisbert Jäkel weitet sich immer wieder eindrucksvoll aus Einzel-Ideen ins große Ganze. Am Beginn steht immer ein schwarzes Quadrat wie von Kasimir Malewitsch – die Moderne ist jetzt da, teilt es uns mit. Und sie hat das Denken all dieser Revolutionäre vor der Revolution, das profunde wie das unausgegorene, in sich aufgenommen.

So offen und klug in die Zukunft zu denken wie bei Stopprd, als Visionär der Vergangenheit: so etwas wird gerade dringend gebraucht. Stoppards Theater ist ein virtuoses Spiel mit den Masken der Jahrhunderte – vielleicht das Beste, was in dieser pandemisch verkorksten Spielzeit überhaupt zu sehen war.

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