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Die Würde des Menschen bleibt unantastbar

Heinrich Böll: Katharina Blum oder: Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann

SchauspielPremiere: Theater: Theater Konstanz
Regie: Franziska Autzen  Komponist: Johannes Hofmann   Foto: Ilja Mess 
Von Manfred Jahnke am 05.03.2022

In seiner Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974 erstmals erschienen) verarbeitet Heinrich Böll seine Erfahrungen mit einer angesichts der RAF-Aktionen hysterischen Öffentlichkeit, in der Polizei und Sensationspresse in enger Zusammenarbeit menschliche Existenzen zerstörten. Obwohl – auch durch die Verfilmung von Margarethe von Trotta und Volker Schlöndorff mit Angela Winkler als Blum – die Handlungen in einem zeitgeschichtlichen Kontext verankert erscheinen, erweist sich die Konstanzer Inszenierung von Franziska Autzen als überraschend aktuell.

In ihrer Fassung konzentrieren die beiden Bearbeiterinnen (neben der Regie die Dramaturgin Hannah Stollmayer) ganz auf die Geschichte der „Katharina Blum“, die hier nicht wie bei Böll als Rückblende erzählt wird, sondern linear. Schon im Titel ist „die verlorene Ehre“ gestrichen. Autzen und Stollmayer setzen stattdessen auf den Satz aus dem Grundgesetz: „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Was vorgeführt wird, ist das Gegenteil: die Missachtung der Würde. Aber mehr noch wird die Autonomie eines Menschen – und nicht nur die einer Frau wie Katharina Blum – angetastet. Zum sexgeilen Monster einer „Räuberbraut“ aufgebauscht, ohne Möglichkeit, sich in eine Privatsphäre zurückzuziehen, bleibt als Ausweg nur noch die gewaltsame Befreiung. So deutet es schon der Untertitel von Erzählung und Stück an: „Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann.“

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Die Facetten der Katharina Blum

„Katharina Blum“ aus dem Kontext der Zeitgeschichte zu holen, gelingt nicht nur durch den – schon bei Böll angelegten – Transfer in parabelhafte Strukturen, sondern mehr noch durch einen inszenatorischen Kniff: Die vier Spielerinnen und Spieler agieren in einer Einheitskleidung (Bühne und Kostüme: Ute Radler) mit kleinen Variationen. Die Grundfarbe der Kostüme ist mit Grautönen durchmischtes ein Blau. Alle tragen rote Socken und dunkle Sportschuhe. Aber mehr noch: Es gibt keine Rollenaufteilungen. Alle sind abwechselnd Katharina Blum, Kommissar oder Arbeitgeber, bei denen die Protagonistin als Hauswirtschaftskraft arbeitet.

Zunächst irritiert dieser Kniff, weil der Sprung von einem Spieler zum anderen nicht deutlich wird. Aber nach und nach schälen sich bestimmte Zuordnungen zu Aspekten der Blum‘schen Persönlichkeit heraus. Hanna Eichel hat den eher eingeschüchterten Part, Ioachim-Wilhelm Zarculea den jovialen, aber zupackenden Anteil, Johanna Link einen eher forschen, in ihrer Bewusstwerdung feministischen Zugriff, sowie Sebastian Haase mit einem eher reflektierenden Rollenanteil. So werden die verschiedenen Facetten dieser Figur angespielt, ihre Zerrissenheit gezeigt, aber auch die Verwandlung von der Opferrolle hin zur Täterin, die sich durch ihre Tat verzweifelt zu befreien versucht.

Zugleich aber finden sich diese „Anteile“ auch in den anderen Rollen wieder: Zum Kommissar gehört eine bestimmte joviale Haltung (Zarculea), oder beim Polizeigehilfen von Johanna Link ein forscher Zugriff, Sebastian Haase als zugewandter Polizist oder Hanna Eichel, die als Anwaltsgattin das Gegenteil von eingeschüchtert spielt. Kurz: Die Vier bilden ein spannendes Ensemble, das auf verschiedenen Ebenen gemeinsam die Geschichte der Katharina Blum erzählt. Am Anfang steht das Ensemble nebeneinander, bevor es sich über die Bühne verteilt.

Das dunkle Loch der Wirklichkeit

Ute Radler hat dazu eine massive schwarze Wand geschafften, die der Bühne die Tiefe nimmt. In der Mitte ist ein Kreis eingelassen, der auf eine kleine Spielfläche mit Mikrofonen im Hintergrund verweist. Das „Loch“ selbst kann auch zum Hamsterlaufrad werden, in dem sich die Blum-Darstellerinnen und Darsteller gegen die Wirklichkeit abrennen können. Neben den Kompositionen von Johannes Hofmann, die das Geschehen rhythmisch-atmosphärisch begleiten, spielen Videoprojektionen eine entscheidende Rolle. Zumeist sind es Live-Videos, die übergroß die Gesichter auf die schwarze Wand werfen, während das Ensemble auf der Spielfläche hinter dem Loch agiert. Aber es gibt auch vorfabrizierte Videos beispielsweise mit feministischen Parolen.

Aber so viel Aktualität braucht die Inszenierung von Franziska Autzen gar nicht: Das Ensemble führt in bedrängenden Bildern vor, was mit Menschen passiert, die ungeschützt von einer Öffentlichkeit gehetzt werden, denen man die Würde und das Recht auf Selbstbestimmung nimmt. Es gilt das grundlegende Prinzip des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ stets zu verteidigen. Und das nicht nur zu Zeiten, als ein bundesdeutscher Innenminister der Meinung war, man könne ja nicht täglich das Grundgesetz unterm Arm tragen.

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