Nichts ist, wie es einmal war, und doch sucht man die magischen Orte immer wieder auf. Alle diese Menschen, der alte, einsame Andrew, seine langsam in die Demenz abgleitende Ex-Frau Vivian und die beiden Töchter Thump (Christina Weiser) und Andrea (Alina Rank) sind dabei Wanderer zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Illusion und Realität. Dann lieben sich nach der Hochzeit die junge Vivian, gespielt von einer in ihrem Glück hinreißenden Christina Weiser, und Andrew (Bernd Hölscher) zum ersten Mal im Hotelzimmer: Eine Szene voll wunderbarer Poesie, zwei Körper und das langsame Gleiten in den Rausch, der Höhepunkt und das Wollen danach, diesen Augenblick festzuhalten. Und die alte Vivian (Karin Nennemann mit zerbrechlicher Anmut) schaut auf ihr junges Ich: Noch einmal ist sie diese Frau mit dem Leuchten im Gesicht.
Sie haben alle ihr Glück nicht festhalten können. „Warum hat uns das keiner gesagt, dass es so sein wird?“ ist eine Frage, die sich durch das Stück wie ein roter Faden zieht. Bis zum Ende im China- Restaurant, als Vergangenheit und Gegenwart mit Wucht kollidieren. Andrew (Jürgen Wink mit viel innerer Leere) imaginiert noch einmal frühere Zeiten, die Töchter sind jung, die Mutter kehrt zurück. Vielleicht lässt sich das Glück zwingen, es ist der Augenblick, als der alte Mann zusammenbricht.
Erinnerungsgestalten tanzen ihren letzten gemeinsamen Tanz. Thomas Bockelmann, der durch seine sensible Personenführung auffällt, inszeniert das alles mit viel Gespür für eine filmische Umsetzung und die darin enthaltenen existenziellen Fragen. Er hält das 100-minütige Stück dabei fein in der Schwebe, gibt auch Raum zur Komik und ist so ganz nah an dem Autor und seinem wunderbaren Stück. Ein berührendes Kammerspiel, eine erzählfreudige Ballade, in Kassel zu Recht mit rauschendem Applaus bedacht.
