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Die Suche nach dem Glück

Noah Haidle: Lucky Happiness Golden Express

Theater:Staatstheater Kassel, Premiere:20.09.2013 (UA)Regie:Thomas Bockelmann

Wie tötet man einen Menschen, der einem die Liebe beigebracht hat? Aus Gnade oder doch nur aus Geldgier, weil die Risikolebensversicherung wartet? Thump, die Tochter des Mannes, der nach einem Schlaganfall verwirrt in seinem Krankenhausbett liegt, fällt auf die Knie, sie betet. Und entscheidet sich dann doch für das große Wort Gnade. Ihr Mann wird ihr dabei helfen. Ein Leben erlöscht unter dem Kissen, nur ein bisschen fest drücken. In dem anonymen Krankenhauszimmer irgendwo in Michigan wirft das Licht schmale Streifen durch die Jalousetten. Dann sieht man im Hintergrund an der Wand den Schattenriss eines Mannes mit Kissen. Hitchcok-like ist das für einen Augenblick.

Nein, das ist kein Krimi, eher eine ziemlich traurige Geschichte über die Einsamkeit in großen Städten und die Jagd nach der Gücksverheißung. Noah Haidle, ein viel beachteter junger US-Autor mit einer Vorliebe für Beckett, Proust und Tschechow, umkreist seine Figuren mit Wehmut und Melancholie und stellt dabei immer wieder die Frage nach der Erinnerung. Wo wohnt sie? Im Herzen, im Kopf, einfach nur in einer Bewegung oder dort, wo sich der Leuchtturm von Ferne dreht. Dabei arbeitet der Dramatiker, dessen Stück „Lucky Happiness Golden Express“ am Kasseler Staatstheater vom Hausherrn Thomas Bockelmann zur Welturaufführung gebracht wurde, virtuos und filmisch mit Zeitsprüngen, Rollenwechseln, Überblendungen, Wiederholungen und Zwischen- Welten. Drei von fünf Schauspielern spielen in den Kostümen von Ulrike Obermüller und dem Bühnenbild von Etienne Pluss (Erinnerungen an Edward-Hopper-Bilder werden wach) gleich mehrere Parts, springen mitten im Spiel von einer Rolle in die andere.

Nichts ist, wie es einmal war, und doch sucht man die magischen Orte immer wieder auf. Alle diese Menschen, der alte, einsame Andrew, seine langsam in die Demenz abgleitende Ex-Frau Vivian und die beiden Töchter Thump (Christina Weiser) und Andrea (Alina Rank) sind dabei Wanderer zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Illusion und Realität. Dann lieben sich nach der Hochzeit die junge Vivian, gespielt von einer in ihrem Glück hinreißenden Christina Weiser, und Andrew (Bernd Hölscher) zum ersten Mal im Hotelzimmer: Eine Szene voll wunderbarer Poesie, zwei Körper und das langsame Gleiten in den Rausch, der Höhepunkt und das Wollen danach, diesen Augenblick festzuhalten. Und die alte Vivian (Karin Nennemann mit zerbrechlicher Anmut) schaut auf ihr junges Ich: Noch einmal ist sie diese Frau mit dem Leuchten im Gesicht.

Sie haben alle ihr Glück nicht festhalten können. „Warum hat uns das keiner gesagt, dass es so sein wird?“ ist eine Frage, die sich durch das Stück wie ein roter Faden zieht. Bis zum Ende im China- Restaurant, als Vergangenheit und Gegenwart mit Wucht kollidieren. Andrew (Jürgen Wink mit viel innerer Leere) imaginiert noch einmal frühere Zeiten, die Töchter sind jung, die Mutter kehrt zurück. Vielleicht lässt sich das Glück zwingen, es ist der Augenblick, als der alte Mann zusammenbricht.

Erinnerungsgestalten tanzen ihren letzten gemeinsamen Tanz. Thomas Bockelmann, der durch seine sensible Personenführung auffällt, inszeniert das alles mit viel Gespür für eine filmische Umsetzung und die darin enthaltenen existenziellen Fragen. Er hält das 100-minütige Stück dabei fein in der Schwebe, gibt auch Raum zur Komik und ist so ganz nah an dem Autor und seinem wunderbaren Stück. Ein berührendes Kammerspiel, eine erzählfreudige Ballade, in Kassel zu Recht mit rauschendem Applaus bedacht.