Lorenzo Fioroni verlegt dieses Breughelland in die heutige Spaßgesellschaft. Aus den beiden Liebenden sind zwei lesbisch aneinander interessierte Bräute geworden (was möglich ist, weil Amando eine Mezzo-Hosenrolle ist), ihnen zur Seite eine alkoholisch schwer angeschickerte Hochzeitsgesellschaft. Piet vom Fass sieht aus, als habe Elton John lockenwicklertechnisch aufgerüstet. Nekrotzar will sich mit seiner Untergangsprophetennummer zum Medienhype hochrocken und findet in Go-Go, der (auch er eine Hosenrolle) bei Fioroni vom Fürsten zur Showmasterin mutiert ist, einen dankbaren Abnehmer seiner Prophezeiungen. Doch als er sich mit Bazooka und Kampfweste selbst zum Terminator aufschwingt und die gesamte Talkshow als Geisel nimmt, entpuppt sich sein Mord am Geheimdienstchef Gepopo alsbald als Medienfake. Nekrotzar ist entzaubert und wird von drei karnevalesken Polizisten verhaftet, Talkmaster Go-Go ist am Ende, und alle saufen und huren fröhlich weiter, bis sich eine Gitterwand nieder senkt: Kein Entkommen aus diesem Käfig voller Narren!
Fioroni also tut alles, was in seinen Kräften steht, um Ligetis schon etwas betagter Groteske (uraufgeführt 1978, in Mainz wird die von Ligeti autorisierte Fassung von 1996 gespielt) den maximalen zeitgemäßen Widerhall zu verschaffen. Und diese Kräfte sind beachtlich. Dazu hat ihm Paul Zoller ein faszinierend wandlungsfähiges Drehbühnenbild aus grauen Kachelwand-Versatzstücken gebaut, das für all die Aktionen und Auftritte der Besoffenen, Verzweifelten, erotisch Besessenen und gelegentlich nur leicht Bekleideten eine Menge Nischen und Winkel bietet, und das von live gefilmten Videos immer wieder effektvoll überblendet wird. Was diesem sinnebestürmenden Theaterabend allerdings fehlt, das ist die konzeptionelle Schärfe – nicht die erste Idee ist ja immer auch die beste, und nicht jede von Fioronis Überformungen der Figuren leuchtet einem wirklich ein. Das Treiben der beiden verliebten Bräute ist ja possierlich anzuschauen – aber bringt es die Inszenierung wirklich auch interpretatorisch weiter? Gewinnt man wirklich mehr, als man verschenkt, wenn man den Fürsten Go-Go zum grün gefiederten Revue-Showgirl macht?
In solchen Details fehlt der Inszenierung die Treffsicherheit der sozialen Referenz: Man weiß nicht immer, auf welche Gesellschaft und welches Milieu Fioroni denn nun genau zielt. Und manchmal erschöpft sich der Aktionismus in Redundanz – was allerdings schon im Libretto als Problem angelegt ist. Doch weil hier einfach hinreißend gespielt, getobt, gekalauert und eben auch gesungen wird, trägt das über alle konzeptionellen Durchhänger hinweg. Im durchweg ausgezeichneten Ensemble bleiben Hyon Lee als Gepopo mit geradezu belcantesken Koloraturen, Tatjana Charalgina als Amanda und Patricia Roach als Amando mit allerliebstem Liebesgeflöte, Vida Mikneviciute als vokal wie darstellerisch attraktives Go-Go-Girl, Stefan Stoll als schlanker, kraftvoller Nekrotzar, Alexander Spemann als gebührend greller Piet vom Fass und Sanja Anastasia als ebenso gebührend keifige Mescalina in bester Erinnerung. Am Ende restlos begeisterter Applaus.
