Image

Die Sentimentalisten des Rings

Ad de Bont: Der Thaiboxer

SchauspielPremiere:  (DSE)   Theater: Nationaltheater Mannheim
Regie: Andrea Gronemeyer   Foto: Christian Kleiner 
Von Björn Hayer am 29.04.2014

Auch Boxer haben einen weichen Kern. In seinem 2012 mit dem Jugendtheaterpreis des Landes Baden-Württemberg ausgezeichneten Drama „Der Thaiboxer“ bricht der niederländische Autor Ad de Bont deren harte Schalen auf und offenbart die Verletzlichkeiten der ansonsten hartgesottenen Faustathleten. Bei der deutschsprachigen Erstaufführung von Andrea Gronemeyer im Mannheimer Studio Werkhaus wird der Boxring dabei zur Arena des Lebens: Während Elja, impulsiv gespielt von Simone Oswald, in mehreren Stelldicheins nach der großen Liebe sucht, ringt hingegen ihr Bruder Hank (Uwe Topmann) verzweifelt um deren Nähe. Der Sport kompensiert Wut und Melancholie, doch wahre Erfüllung bietet er keine. Er ist ein Durchgangsstadium, ein Sich-Offenbaren und Modus, das Dasein zumindest kurzzeitig zu bewältigen. Wer auf der minimalistischen Bühne, die einzig aus einem erhöhten Kampfpodest und situativ erscheinenden Sandsäcken besteht, seine Energie herausprügelt, ist stets auf der Suche. So auch die Brüder Boris (Sebastian Brummer) und Tom (David Benito Garcia). Nachdem sie Zeit ihres Lebens nichts voneinander wissen, bringt der finale Fight beide zueinander. Es ist der Moment der lange erwarteten Erkenntnis, der Aufbrüche und stillen Selbstfindungen. Manch eine Lebenslüge und innerer Konflikt lösen sich auf, Konflikte, die Figuren kommen schließlich zu sich.

Nicht nur Dank der indes durch monatelanges Boxtraining zu wahren Ringmeistern avancierten Schauspieler überzeugt dieses Stück als inwendige Seelenschau. Insbesondere auch durch Andrea Gronemeyers feines Gespür für die leisen Töne abseits der immer wieder harten Bandagen unter den Ertüchtigungskünstlern gelingt es, die poetischen Intermezzi zwischen den Dialogen einzufangen. Setzt de Bonts hellsichtiger Text zumeist auf die schnelle Rede, lässt er ebenso Raum zur Ruhe. Die Regie nutzt diesen zur Charakterschärfung. Dies sind die großen Augenblicke der Inszenierung: Unterlegt mit zumeist sphärischen Tönen, erzählen die Darsteller bei abgedunkeltem Licht von ihren Sehnsüchten und Hoffnungen. Parabelhaft wie sentimental berichten sie von ihren Fantasien und ihrer surreal arrangierten Hoffnung auf Geborgenheit und Heimat – eine kleine Kostbarkeit des psychologischen Theaters!

Weitere Kritiken

Fanale der Schöpfung
Fanale der Schöpfung

Im Zeitalter des Anthropozäns, der Digitalisierung und zunehmenden Technisierung unseres…

Frank Fannar Pedersen, Erion Kruja, Taulant Shehu, Stephan Thoss: Next Paradise
Deutsches Nationaltheater Mannheim
Premiere: 15.02.2020 (UA)
Dynamische Parallelgeschichte
Dynamische Parallelgeschichte

Die Schulen haben im Augenblick alle Hände voll damit zu tun, sich neu zu organisieren…

Roland Schimmelpfennig nach Hans Christian Andersen: Der Zinnsoldat und die Papiertänzerin
Schauburg München
Premiere: 26.06.2020
Das goldene Recht
Das goldene Recht

Das Anhaltische Theater hatte Glück im Unglück. Ganz knapp vor dem bevorstehenden…

Aischylos / Walter Jens: Die Eumeniden
Anhaltisches Theater Dessau
Premiere: 30.10.2020