Szene aus "Siegfried – eine Bewegung"
Tanz,

Die Last Generation kämpft sich frei

Gregor Zöllig: Siegfried – Eine Bewegung

Theater:Staatstheater Braunschweig, Premiere:29.10.2022 (UA)Vorlage:SiegfriedAutor(in) der Vorlage:Richard Wagner Musikalische Leitung:Srba DinićKomponist(in):Steffen Schleiermacher

So einen Siegfried hat man sich schon lange gewünscht: Mátyás Ruzsom ist ein hühnenhafter Athlet, der von Liegestütze bis Bauchmuskel-Punching Mimes Trainingsprogramm zum rächenden Terminator locker besteht. Dazu tackert aus dem Orchestergraben ein Amboss im Akkord. Mit solchem Übermut kann man die Welt aus den Angeln heben.

Aber nun ist Ruzsom eben kein Tenor, sondern Tänzer – denn das Staatstheater Braunschweig erzählt Wagners „Ring des Nibelungen“ mit allen Sparten, und der „Siegfried“ ist dem Tanztheater zugefallen. Ein Stück Generationenkonflikt, das Chefchoreograph Gregor Zöllig sehr plastisch zugespitzt hat zu neuer Musik des Komponisten Steffen Schleiermacher.

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Und der hat nur den Amboss von Wagner übernommen, treibt das Staatsorchester unter Srba Dinić ansonsten mit viel Perkussion an, hörbar strawinsky-inspiriert und selten meloshaft weilend. Erst wenn Siegfried seine Auszeit nimmt vom Training, sich kopfüber ins Aquarium stürzt und später sogar Schwimmbewegungen darin macht, klingelt das Metallophon sphärisch im Raum, während die sprudelnden Bläschen im Wasser an die Decke des Zuschauerraums projiziert werden. So ist auch das Publikum umfangen von Siegfrieds Traum des Einsseins mit der Natur und eröffnet sich eine andere Perspektive auf den Muskelprotz.

Zölligs Siegfried ist wie bei Wagner eine Kampfmaschine wider Willen, die durchaus weiche Seiten hat. Wenn er mal zu heftig auf Mimes anstachelndes Training reagiert und ihn wegschubst, eilt er ihm sofort wieder zur Hilfe, ist fürsorglich, im Wortsinn beladen mit diesem eigennützigen Freund, der ihm triumphierend im Nacken sitzt.

Generationenkonflikt

Mime selbst (Joshua Haines) hat sein garstig Lied gleich eingangs auf rostige Drähte gekratzt. Ein Ausgebeuteter, der Wotans scheinbar so menschenfreundliches Geschäftsprinzip durchschaut, aber einzig mehr von dem vordergründigen Wohlstand gewinnen will, der die anderen Kollegen einlullt. Die ziehen mit Rucksäcken wie zum Waldbaden in Wotans Schöner-Wohnen-Welt, in der die Wände mit Walddias tapeziert sind. Wo sie abblättern, lässt Hank Irwin Kittels Bühnenbild den Beton klaffen, Wotans Pseudo-Natur ist nichts als Greenwashing. So wie die sehnige Nao Tokuhashi in der Rolle des göttlichen Zivilisators eine eigentlich kühle Managerin mit energisch gestreckten Bewegungen ist. Wenn die junge Generation brav auf den zu bootsähnlichen Sofas aufgeblasenen Rucksäcken liegt, geht ihr Kalkül auf.

Aber Siegfried schubst die Kollegen nach und nach runter, worauf Mime die Boote als Wohlstandstrophäen zusammenrafft – mehr war nie sein Ziel.

Siegfried dagegen wünscht Zugang zur Gruppe: Er knüpft ersten Kontakt zu einer starken Solistin, Brünnhilde (Lotta Sandborgh), und die Generation bekommt Dynamik. Musikalisch in flirrenden Holzbläsern, nervösen Streichern, Blechstößen, alles sehr hochgepowert, da können Verstand und Gefühle kaum mithalten. Eben noch vereinen die Tanzenden ihre Hände zu einer Art Rütlischwur, schon rollen Siegfried und Brünnhilde übereinander wie ein lebendes Rhönrad, trägt erst sie ihn, dann er sie auf den Armen. Hier sind Gleichstarke fasziniert von ihrer Kraft bis hin zum langen Kuss, doch ohne wahre Zärtlichkeit.

Auch Wagners Liebende sind ja eigentlich beladen mit Weltmission, vergessen sie aber im Akt. Zölligs Muskel-Duo geht auf im Kampf, der sich gegen Wotans Scheinwelt formiert. Schleiermacher lässt die Tanzenden Sprechchöre in Fantasiedeutsch skandieren, sie reißen die Tapeten ab und entdecken so ihr Betongefängnis. Von Bongotrommeln und Paukenstakkato getrieben, formiert sich die Last Generation in Linien und Pulks, gegen die Wotan nun allerdings unglaubwürdig allein angehen muss, mal von unten in die Masse hineinkriechend, mal auf sie draufspringend, und jeweils wieder herausgeschleudert. So eine moderne Managerin hätte ja auch ihre Heere.

Systemwechsel

Packender ist, wie sich die Menge nun gegen die Mauern stemmt, Arm in Arm eine Strebe bildet, um sie auseinanderzudrücken. Irgendwann schaffen sie es, ein Loch in die Rückwand zu treten, die Aggression siegt, das System fällt. Aber wofür haben sie gekämpft? Wie achtsam, liebevoll, ökologisch die neue Gesellschaft aussehen soll, hätten die jungen Leute vielleicht vorher verhandeln müssen. Aber so vernünftig läuft die Generationenablösung eben nicht.

Es ist immerhin ein hoffnungsvolles Bild, dass das System der Betonköpfe endet. Vielleicht haben sie einst im besten Sinne Zivilisation und Wohlstand schaffen wollen, wie man es Wagners Wotan zugestehen mag. Aber sie haben sich immer mehr in ihren Umweltsünden verstrickt und sind heute nachweislich nicht mehr fähig, die Umkehr einzuleiten, sondern verhärten sich bis zur Leugnung in ihren Positionen.

Zöllig lässt durch das Loch in der Mauer nun sehr poetisch Projektionen von Wasser strömen, worin Tanzende schwimmen, ein sauerstoffsprudelndes Zeichen für neues Leben, das wie in Siegfrieds Traum zu Beginn wieder bis unter die Saaldecke schäumt. Ob Wellen der Phantasie oder Sintflut, die wie bei Wagner aus der „Götterdämmerung“ ins Schöpfungs-Vorspiel des „Rheingolds“ überleitet: der Choreograph endet mit einem Hoffnungsbild, das Schleiermacher mit waberndem Klingeln atmosphärisch stützt. Auch ohne die großen Weltdialoge Wagners trifft das Tanzstück so in Idee, Weichheit und Kampfkraft Intentionen des „Siegfried“ gut. Und das in anderthalb Stunden. Im Haus gab’s großen Jubel.