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Die Kehrseite polyamourösen Spaßes

Wolfgang Amadeus Mozart: Così fan tutte

MusiktheaterPremiere:  Theater: Staatsoper Hannover
Regie: Martin G. Berger  Musikalische Leitung: Michele Spotti   Foto: Sandra Then   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Andreas Berger am 20.06.2021

Sexy, sexy, diese „Così“ an der Staatsoper Hannover. Die sechs Sängerinnen und Sänger werfen sich ganz schön ins und aus dem Zeug, um in Martin G. Bergers Inszenierung der Mozart-Oper einmal mehr auszutesten, wer wem wie lange treu sein kann, wenn die Alternativen so attraktiv sind wie in diesem Freundes-Sextett.

Berger leiht dabei anfangs von Doris Dörries Film „Nackt“, wo es auch darum ging, dass sich Paare im Dunklen nackt erkennen sollen. Wie in „Das perfekte Geheimnis“ landen auch die eingesammelten Handys in der Schüssel, völlige Offenheit ist angesagt.

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Hier nun finden freilich (fast) nackt mit verbundenen Augen die falschen Paare zueinander. Die Paartherapeuten Despina und Alfonso ermutigen aber, diesem ersten Drang der Triebe weiter nachzugeben, schließlich ist „Polyamorie“ das Motto ihres Lehrgangs – und auch ihres eigenen Lebens? Sie mischen jedenfalls als Katalysatoren der allgemeinen Unbefangenheit tüchtig mit.

Der Partnertausch geschieht dabei völlig bewusst und ist nicht wie bei Mozart Folge einer Intrige: Dort ziehen sie vermeintlich in den Krieg, kehren aber verkleidet als Orientalen wieder und werden von ihren Frauen angeblich nicht mehr erkannt. Das war immer schon ein fauler Zauber, um moralische Verbote zu umgehen. Der erste Akt entwickelt sich so jedenfalls zu fröhlichem Gruppensex, nachdem Domina Despina die noch Moralkranken an ihrem „Magneten“ hat lecken lassen (so die Mozartfassung), sprich ihnen eine Sexdroge verabreicht. Lustige Pointe: Die wach gewordene Tochter steht plötzlich vor ihnen und findet die Eltern einfach nur peinlich.

Nun wäre der polyamouröse Spaß ja wirklich kein Problem und läge womöglich ganz in Mozarts lustvollem Sinne, wenn es wirklich nur eine altmodische Moral zu überwinden gälte. Die Erkenntnis „Così fan tutte“, so machen’s alle Frauen, wird hier von Alfonso und Despina gemeinsam gesungen und in der nächsten Strophe zeitgemäß ergänzt um die männliche Variante „Così fan tutti“. Soweit so politisch korrekt. Dass es hier nicht um Schuldzuweisungen an die Geschlechter geht, pariert der Regisseur konsequent.

Aber das eigentliche Problem ist: Die Menschen sind ja wirklich verliebt. Und zwar in ihre Ausgangspartner ebenso wie nachher in die überkreuz vertrauten Freunde. Die polyamouröse Erkenntnis wäre leichter zu akzeptieren, wenn es nur um ein paar Stunden Sex ginge. Aber hier gibt es ernstere emotionale Erschütterung. Und da sitzt der Regisseur dann mit in der Falle.

Der zweite Akt streut insofern eher Zweifel an der neuen Freizügigkeit. Das beginnt schon, wenn Despina die Arie von den Frauen, die sich immer den Männern zu fügen hätten, rebellisch vorträgt und den Spieß dabei umdreht: Während Alfonso sich mit deutlichen Signalen wehrt, wird er von ihr bestiegen. Das Lustprinzip bringt auch nicht immer Spaß. Nikki Treurniet singt Despina mit schön rund perlendem Sopran und Koloraturgewandtheit. Richard Walshes Bass für den Alfonso klingt eher grob.

Die kreuzweisen Gefühle der Paare versucht Berger damit zu begründen, dass sich alle schon als Kinder und Jugendliche kannten, insofern alte verdrängte Träume und Begehrlichkeiten nun wieder auftauchten. So gibt Despina auch Fjordiligi an wichtigen Wendepunkten entscheidende Küsse. Berger hat dies von Anfang an mit bühnengroßen Dias aus dem Fotoalbum eingeführt. Doch mit Riesenteddys und Pappflugzeug, dem Prinzessinnenkleid Fjordiligis, die sich dann Ferrando im Anzug annähert, der wiederum ein Hochzeitskleid trägt, wirft er dann zu viele Klischees über Verdrängungen aus der Kindheit in den Ring.

Eigentlich weicht er so nur der Gewissensfrage aus: Gefühle ändern sich, sie können für eine, einen und andere schlagen, womöglich sogar gleichzeitig. Insofern sind nicht die Kinder, die sie einst waren und die nun in Bergers Inszenierung als gesichtslose Figuren auftauchen und die Erwachsenen stumm zur Rede stellen, die Instanz der Rechtfertigung. Man ist doch nicht als Kind mehr bei sich als nach den Erfahrungen des Erwachsenwerdens.

Am Ende steht jeder mit seinem Album isoliert, eine bittere Erkenntnis der Ich-Gesellschaft. Es gibt nicht wie bei Mozart zumindest formal das Zurück in die frühere Beziehung, aber die Polyamorie ist auch diskreditiert. Das in C-Dur gepriesene „Leichtnehmen“ glaubt in Hannover sicher keiner mehr.

Michele Spotti legt am Pult flotten Gestus vor. Das Orchester muss sich nach getrübter Intonation in der Ouvertüre aber erst einschwingen. Großartig gestaltet Kiandra Howarth die Arien der Fjordiligi, ihr Sopran bietet satte Tiefen, füllige Höhen und eine feine Geschmeidigkeit. Nina von Essen bringt für die Dorabella einen auch höhensicheren warmen Mezzo mit. Schön geschmeidig legt Marco Lee mit seinem kultivierten Tenor als Ferrando seine „Aura amorosa“ hin. Und Hubert Zapiór läuft mit kräftigem Bariton bei aller Weichheit im Herz-Duett auch zu dramatischer Emphase auf.

Spielerisch sind sie alle eine Wucht und machen die alte Tante Oper sexy. In den kessen Übertiteln auch eine gute Voraussetzung für junges Publikum.

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