Der Verfremdungseffekt gelingt am besten, wenn eine Tracht oder ein Tanz bekannt ist – dann erlebt man die deutsche Folklore in neuer, spielerischer und ironischer Perspektive. Aber auch wenn das nur für wenige Nummern gilt und man sich in den meisten Fällen nur wundern kann über die bunten, verrückten Trachten, die es in Deutschland geben soll, so sind doch alle Auftritte des Ensembles jedenfalls höchst unterhaltsam und komisch, mit Anflügen ins Groteske. Deutsche Folklore, leicht ins Exotische verschoben: das ist sicher bestens exporttauglich – und auch für einheimische Brauchtumshasser lustvoll anzusehen.
Jochen Roller, in früheren Inszenierungen mit der Theorie und den Bedingungen des Freien Tanzes beschäftigt, thematisiert auch hier ein Grundsatzproblem: Wie „authentisch“ und wie „exotisch“ müssen Aufführungen sein, um im internationalisierten Festivalbetrieb zu bestehen? Eine Frage, die bei manchem Auftritt des Berliner „Tanz im August“ zu stellen ist, zum Beispiel bei der Eröffnungsproduktion des kongolesischen Choreografen Faustin Linyekula: Wie viel Kongo darf in dieser Arbeit stecken, damit wir Europäer sie für authentisch afrikanisch und zugleich verstehbar europäisch halten?
