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Die Eleganz der Reduktion

Wolfgang Amadeus Mozart: Così fan tutte

MusiktheaterPremiere: Theater: Salzburger Festspiele
Regie: Christof Loy  Musikalische Leitung: Joana Mallwitz   Foto: SF/ Monika Rittershaus   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Joachim Lange am 03.08.2020

Nach der überwältigenden „Elektra“ der Festspielväter Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal folgte in Salzburg jetzt die zweite und für diesmal schon letzte Opernpremiere. Hier lieferte der Hausgott Mozart die Steilvorlage mit „Così fan tutte“ fürs Große Festspielhaus; wie es sich neuerlich gehört, mit freien Nebenplätzen, ohne Pause und auf zweieinhalb Stunden eingedampft. Alles sehr sensibel und für den Gang der Dinge und den Sog der Musik nicht hinderlich. Es hat schon seine Vorzüge, dass Mozart immer mal die eine oder andere Arie eingeführt hat, die man auch weglassen kann, ohne das Ganze zu beschädigen. Man muss schon puristisch und bösartig sein, um dem Regisseur Christof Loy und seiner Partnerin am Pult der Wiener Philharmoniker, Joana Mallwitz, diese Bearbeitung vorzuhalten. Sie sind nicht genug dafür zu loben, dass sie sich auf die Schnelle darauf eingelassen haben. Denn anders als der Stücktitel behauptet, machen es eben in Sachen Opern und Festspiele nicht alle so wie Salzburg. Richtige, ernst zu nehmende Festspiele gibt es in diesem Jahr nur hier an der Salzach. Die Ansage für den Mundschutz bringt in jeder Vorstellung obendrein eine akustische Begegnung mit der aktuellen Buhlschaft im „Jedermann“ Caroline Peters (in Englisch macht's der Jedermann Tobias Moretti ziemlich stilecht). Und schon wirkt die inzwischen ritualhafte Gesundheitsmaßnahme nicht mehr ganz so lästig. 

Neben der Tatsache, dass dieser Mozart unter Coronabedingungen überhaupt über die Bühne geht, ist ebenso bemerkenswert, dass mit Shootingstar Joana Mallwitz das erste Mal eine Frau bei den Festspielen an einem Premierenpult steht. Sie hat die Karrierestrecke von Erfurt über Nürnberg nach Salzburg ziemlich flott absolviert. Mit der ihr eigenen Bewegungseleganz macht sie ihre Sache ganz ausgezeichnet. Neben dem Publikum applaudieren ihr auch die Musiker, was bei diesem Orchester, dem Mozart in den Genen liegt, schon bemerkenswert ist. Ihr Dirigat faszinierte nicht nur mit seiner Frische, sondern auch durch den Schulterschluss mit der Bühne. Zwischen Mallwitz und der Crew muss es einfach funktioniert haben. Man kann so einen Wurf eben auch auf die Schnelle zustande bringen. Wenn man es kann. Und sie können. 

Loy hat bereits Così-Erfahrung, Johannes Leiacker (Bühne) den Sinn für die Reduktion der Szene aufs Wesentliche und Barbara Drosihn das Gefühl für die schlichte Eleganz zeitloser Kostüme. So entsteht ein Raum, der die volle Konzentration auf das Stück ermöglicht. Dem rückt der Regisseur nicht mit dem groben Geschichten-Pinsel, sondern mit der feinen Feder der psychologischen Feinzeichnung zu Leibe. Hier braucht man die Verkleidungsshow im Stück nicht, die ja doch immer nur zwischen albern und völlig unglaubwürdig changiert. 

Wenn die jungen Männer, die die Treue ihrer Bräute testen wollen, verkleidet wiederkommen, dann genügt eine Handbewegung Alfonsos und die weiße Wand mit den zwei Flügeltüren teilt sich für einen shakespearschen Moment der Verzauberung samt riesigem, ergrünten Baum. Außerdem ist die Personenführung dermaßen präzise, dass man zusätzlich zu dem, was die Protagonisten singen, auch noch sieht, was sie heimlich denken, was sie verunsichert, was sie sich noch verbieten, aber wohl gerne selbst gestatten würden. Das Musterbeispiel dafür ist Fiordiligis Felsenarie. Elsa Dreisig singt diese sich selbst zugesprochene Behauptung, nicht wanken zu wollen, nicht nur grandios, sie spielt dabei zugleich alle Facetten des Selbstzweifels durch, so dass es sie am Ende im Wortsinn umhaut. Man hört, was sie meint, der herrschenden Moral schuldig zu sein, und sieht, wie sie das fertig macht. Das ist grandios und nur ein Beispiel. Marianne Crebassa (Dorabella), Andrè Schuen (Guglielmo) und Bogdan Volkov (Ferrando) haben alle ihre Momente der Verunsicherung. Das sieht man selten so fein ausformuliert. Da nimmt man es hin, dass Loy die Rückkehr der Paare in ihre ursprüngliche Konstellation im Grunde so belässt wie sie im Buche steht. Er hat hinreichend vorgeführt, dass das so nicht für die Ewigkeit sein dürfte. 

Stimmlich und als Komödiant grandios ist natürlich Johannes Martin Kränzle als Don Alfonso, der nicht nur die mädchenhafte Despina Lea Desandre (ver-)führt. Er weiß zwar längst viel mehr über das Leben und die Liebe als seine jungen Freunde, aber auch Kränzle hat seine ambivalenten Augenblicke. Man fragt sich schon, warum er Guglielmo so nahe kommt, dass der ihn einmal brüsk zurückstößt. So wie man sich auch fragt, ob Fiordiligi bei dem einen Blick in die Augen nicht doch ihren Guglielmo erkannt oder zumindest was geahnt hat. Wenn eine Inszenierung, die in der Reduktion des Drumherums so klar auf die Musik und die Geschichte setzt, Spekulationen dieser Art erlaubt, ist das eine Klasse für sich.

Es ist der Lohn für den Mut der Festspielmacher, dass auch die zweite Opernproduktion ein Wurf geworden ist, der einfach glücklich macht!

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