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Die Anfang

Nele Stuhler: Gaia googelt nicht

SchauspielPremiere:  (UA)   Theater: Deutsches Theater Berlin
Regie: Sarah Kurze   Foto: Arno Declair 
Von Barbara Behrendt am 10.06.2021

Corona hat auch schöne Dinge hervorgebracht. Nach dem Lockdown sind am Deutschen Theater gleich zwei neue Bühnen unter freiem Himmel entstanden: auf dem Vorplatz, mit Blick aufs Theater, und im kleineren Innenhof. Das DT ist damit das einzige der großen Häuser der Hauptstadt, an dem nun auch Premieren Open-Air gespielt werden. Ein großer Gewinn für die derzeit so lauen Berliner Sommerabende.

Also sitzt man auf Plastikstühlen mit ordentlich Abstand und Masken auf der Nase unterm wolkenlosen Himmel und schaut vom Hof in den lauschigen Garten der Charité, während man auf Gaia wartet. Wer ist diese Gaia, die „nicht googelt“?  In der griechischen Mythologie wird sie als eine der ersten Gottheiten bezeichnet, entstanden aus dem Chaos. Die weibliche Göttin Erde, aus der die Schöpfung hervorgeht.

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So verhält es sich auch in Nele Stuhlers Stück, beziehungsweise ihren Stücken. „Gaia googelt nicht“ ist ein neues Arrangement des Stoffes, den die Autorin schon mit „Gaia rettet die Welt“ bei den Autorentheatertagen 2020 als dreiteiliges Kurzstück präsentieren durfte. Aus der damaligen Zusammenarbeit ergab sich nun die Uraufführung des Langstücks. In beiden Komödien geht Stuhler zurück zum Anfang der Welt und lässt Gaia unter viel Ächzen das Universum kreieren, inklusive Tag und Nacht, Liebe, Sonne und Mond. Preisfrage diesmal: Wie kam es zur Erschaffung der Geschlechter?

Mit der Göttin im Zentrum hat Stuhler eine feministische Umdeutung der christlichen Schöpfungsgeschichte probiert: Aller Anfang ist weiblich. Deshalb heißt es auch „die Anfang“, „die Punkt“, „die Himmel“ und „die Pickel“ – wenn schon, denn schon. Einziges nicht-weibliches Wesen ist der personifizierte Mythos, der hier als Erzähler fungiert. Nacht, Dunkelheit, Nichts, Luft und Liebe stehen bereits in bunten Blaumännern und mit pinken oder blauen Perücke auf der Bühne und streiten sich, wer zuerst da war. Bis Gaia auftritt – Maren Eggert ganz in weiß, mit schneeweißem Pagenkopf – und all das als ihr Werk tituliert.

Auf der Spielfläche herrscht noch das Chaos: Mülltonnen und einzelne Requisiten stehen herum, eine Art Gabelstapler, ein Einkaufswagen, eine Büste. Gaia schöpft weiter, schon ziemlich müde, bis Urana plötzlich keine Schamlippen mehr hat, sondern einen Phallus! Was war passiert? Haben die beiden, wie Mythos interpretiert, zu lange gegenseitig ihre Vulven bewundert? Hat sich eine kleine Schöpfungsmücke aus Gaias Ohr zufällig direkt auf Uranas Unterleib gesetzt? Oder war Gaia zu er-schöpft und hat Helfer bei der Zeugung neuer Lebewesen gesucht? Die Erinnerung ist nicht mehr ganz frisch – es könnte so oder auch ganz anders gewesen sein.

Nele Stuhler schreibt in bewusst einfacher Sprache, mit vielen Wiederholungen, vielen „genau“, „ach“, „naja“. Die komplexe Mythologie in kindgerechter Alltagssprache abzuhandeln, soll dem Ganzen eine komische Note verleihen.

Keine schlechte Idee, die Mythenschreibung feministisch zu hinterfragen: Warum ist  Zeus Teil unseres kollektiven Gedächtnisses und nicht Gaia? Doch weil diese Art der Geschichtsbefragung nicht gerade ein neuer Hut ist, braucht es dafür einen pointierten Text. Stuhlers Stück dagegen ist nicht dicht komponiert, sondern reiht einen Einfall an den nächsten. Der Originaltext hat mehr als hundert Seiten, die Regisseurin Sarah Kurze hat die Hälfte gestrichen, ohne, dass man etwas vermissen würde.

Kurze wiederum setzt auf vordergründige Komödie, wenn sie Lisa Hrdina als Uranos mit immer größerem Phallus ausstattet – erst ist es eine Karotte, dann eine Fleischwurst, ein Baguette, später ein Kaktus, der von Sonne und Mond mit der Kettensäge weggehäckselt wird. Auch die Spieler suchen die großen Gesten, lassen mit Aufstampfen und Augenrollen überdeutlich Komödie raushängen.

Bis auf Maren Eggert und Alexander Khuon. Beide wissen, wie Komödie funktioniert: in dem man die Pointen mit völligem Ernst spielt. Eggert schießt sie nonchalant mit einem Achselzucken heraus – Khuon ist mit seinem todernsten Verzweiflungsslapstick ohnehin der begabteste Komiker des Ensembles.    

Beide können dem Abend zumindest zeitweise aufhelfen – letztlich bleibt er jedoch eine nette Petitesse vor der Weinschorle unter freiem Himmel. Verblasst schon beim Anstoßen.
 

 

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