Vergleichsweise „konkret“ wirkt da der dritte Teil von „b.22“, „ein Wald, ein See“. Diese weitere Schläpfer-Kreation des Abends stammt noch aus Mainzer Zeiten. Über den Köpfen der Tänzer schwebt ein massives, welliges und in langen Streben mit der Decke verbundenes Bühnenbild-Gestänge, das gleichermaßen Wasser und Bäume symbolisiert. Auf dem atmosphärischen, live erzeugten Soundteppich von Paul Pavey wechseln dazu die Tänzer von wilden, fast rituell wirkenden Tableaus breiter Sprünge in bewusst verlangsamte Duette und Einzelfiguren, die den immer wieder auf Spitze agierenden Tänzern äußerste Präzision abverlangen.
Inmitten dieser beiden inhaltlich stark aufgeladenen Schläpfer-Ballette sorgt mit „Moves“ eine Choreographie des 1998 verstorbenen Jerome Robbins, die Ben Huys mit den Tänzern neu einstudiert hat, für eine Art neutralisierende Zerstreuung und Ruhe im wahrsten Sinne des Wortes: Es handelt sich um ein „Ballett in Silence“. Ursprünglich war die Abwesenheit der Musik der Situation geschuldet, dass der Komponist abgesprungen war. Doch Robbins hat aus diesem vermeintlichen Nachteil heraus eine besondere, dennoch stark rhythmisierte Arbeit erschaffen. In geometrischen Formationen bespielen die Tänzer mit Pliés, Sprüngen und Arabesques die Bühne. Dabei sind sie bei aller Stille – sieht man einmal vom Hüsteln und Räuspern im Zuschauerraum ab – zu einer ungeheuren, gegenseitigen Aufmerksamkeit gezwungen: Wie an einer Schnur gehen die Bewegungen von einem Tänzer zum anderen über, die sich durch Klopfgeräusche den Takt vorgeben, sodass das gemeinschaftliche Agieren der Tänzer auf eine beachtliche Weise ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt.
Es ist die klarste und vielleicht am leichtesten zu konsumierende Arbeit des knapp dreistündigen Abends. An Martin Schläpfers ästhetischer Dichte mag sich derweil mancher Zuschauer ein Stück weit abarbeiten müssen, zumal der Ballettdirektor der Deutschen Oper am Rhein von seinem Publikum durchaus eine Menge Interpretationsbereitschaft fordert. Doch wer den Abend schlicht als freundliche Einladung versteht, vorübergehend aus der inhaltlichen Tiefe zu schöpfen, aus der heraus seine Arbeiten entstehen, dem fehlt es an nichts.
