Offenbar war es diese lakonische Wahrhaftigkeit, die den 1960 in Chicago geborenen, heute in Berlin lebenden und in Mannheim lehrenden Komponisten Sidney Corbett zu seiner Oper „Das große Heft“ inspiriert hat. Seine Musik kennt Stimmungen und Seelenregungen; aber ihre kristallklar strukturierten Klangflächen konstatieren alles mit kühler Wahrhaftigkeit. Der Orchestersatz ist hochtransparent, dabei rhythmisch vielschichtig und facettenreich; ein Akkorden, zarte Streicherflächen, aparte Bläsermischungen fangen das ländliche Abseits ein, in dem die Handlung spielt; eine farbenreiche Schlagwerkbatterie (Eisenketten und Ölfässer inklusive) setzt konzise Akzente. Damit entspricht die Musik der Atmosphäre des Romans, findet ihm gegenüber aber eine eigene Form. Sie ist nicht narrativ, sondern situativ. Es gibt zwar Leitmotive, die die Handlung akzentuieren, und Farben, die den Personen zugeordnet sind. Aber das Zuständliche steht im Vordergrund.
Und deshalb trägt diese Musik die Handlung nicht ohne weiteres. Genau das war eines der Probleme, dem sich die Uraufführung am Theater Osnabrück zu stellen hatte. Schon das Libretto, das Corbett gemeinsam mit dem Osnabrücker Intendanten Ralf Waldschmidt eng am Roman entlang eingerichtet hat (die beiden sind seit Corbetts erfolgreichen Bremer Uraufführungen künstlerische Weggefährten), greift zu einer bei „Literaturopern“ häufigen Verlegenheitslösung: Eine Menge Text wird über eine aus dem Off sprechende Erzählerin vermittelt, die musikalisch nicht integriert ist. Und man fragt sich bald, ob man das wirklich alles so genau wissen muss. Die Musik ist so stark, dass es vermutlich ausreichte, die Situationen viel lapidarer vor Augen zu stellen und ihr deren Erschließung anzuvertrauen. Gerade auch die beiden Sopranpartien der Zwillinge, die subtil mit dem Orchestersatz verzahnt sind, entfalten da ein ganz eigenes, fesselndes Melos.
Auch die Inszenierung von Alexander May kann dieses Problem nicht lösen. Indem sie der Handlung im effektvoll düsteren Bühnenbild von Etienne Pluss werkdienlich und (abgesehen von Bert Zanders dekorativ überflüssigen Videos) in geschmackvoll kargem Realismus folgt, beschreitet sie einen Mittelweg, der nicht wirklich golden ist. Man könnte sich sowohl eine krassere bildlich-szenische Zuspitzung wie auch eine kältere Abstraktion als bessere Lösung vorstellen. Musikalisch dagegen war die vom Publikum begeistert aufgenommene Premiere ein eindrucksvoller Leistungsbeweis der Osnabrücker Opernsparte. Unter seinem neuen, jungen GMD Andreas Hotz (geboren 1981) agierte das Orchester mit einer technischen Präzision und interpretatorischen Nachdrücklichkeit, wie sie auch an größeren Häusern keineswegs selbstverständlich ist. Mit den Sopranistinnen Marie-Christine Haase und Susann Vent in den Partien der Zwillinge hat die Produktion zwei Protagonistinnen, die in empathischer Zweieinigkeit interagierten. Insbesondere Marie-Christine Haase erfüllte ihre bis in die dreigestrichene Oktave reichende Partie mit einfühlsamer, wunderbar klarer Leuchtkraft. Und Eva Gilhofer – stellvertretend genannt für ein bemerkenswert rollendeckendes Ensemble – war eine Großmutter von starker Ausstrahlung, die Corbetts parlando-brutto-Anweisung in herbem Sprechgesang sinnerfüllt umsetzte. Erwähnenswert auch der Kinderchor des Hauses, der seine schwierige Aufgabe nicht nur tadellos, sondern sehr ausdrucksstark bewältigte.
