"Die Pest oder Menschen im Belagerungszustand" in Aachen.
Schauspiel,

Denktheater zwischen weißen Särgen

Hans Werner Kroesinger: Die Pest oder Menschen im Belagerungszustand

Theater:Theater Aachen, Premiere:07.05.2011Vorlage:Albert Camus: Die PestRegie:Hans-Werner Kroesinger

Es geht nicht um die Pest als konkrete Krankheit. Das war schon im Roman von Albert Camus so, der – 1947 geschrieben – Erlebnisse von Krieg und Besatzung in seine Beschreibung einer Gesellschaft im Angesicht des Todes einfließen ließ. Doch die Pest ganz direkt als Metapher für Totalitarismus zu deuten, greift auch zu kurz. Hans-Werner Kroesinger hat für sein Camus-Projekt in den Kammerspielen des Theaters Aachen schon den richtigen Titel gefunden: „Die Pest oder Menschen im Belagerungszustand“.

Grundsätzliches verhandeln die sechs Darsteller, die in biederen Jedermannklamotten zwischen weißen Särgen stehen. Sind Liebe und Solidarität möglich, wenn man niemandem trauen kann, wenn jede Berührung tödlich sein könnte? Camus plädiert fürs Handeln, auch wenn es nicht wie im damaligen Hollywoodfilm gleich zum Erfolg führt. Wer passiv bleibt, lässt alles mit sich geschehen. Humanität birgt wenigstens die Hoffnung in sich, dass sie etwas Positives bewirken kann. Der Text läuft – wie es sich im postdramatischen Theater gehört – ohne persönliche Zuordnung durch das Ensemble hindurch. Die Schauspieler agieren ruhig, gedankenklar, ohne überflüssige Gesten. Zwischentonreiches Denktheater in schillerndem Grau, das an Frank-Patrick Steckel erinnert.

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Kroesinger bleibt diesmal nah an der Vorlage. „Die Pest“ ist keins seiner Rechercheprojekte, in denen sich die Schauspieler in aktuelle Themen wühlen und dem Publikum ihre Ergebnisse präsentieren. Man könnte sogar die Frage stellen, ob es sich bei dieser Aufführung noch um Dokumentartheater handelt, wofür der Regisseur ja sonst steht. Denn die Übertragung auf die Gegenwart bleibt den Zuschauern überlassen. Ist die Tötung Osama bin Ladens nach Camus´ Theorie, dass gehandelt werden soll, richtig? Und wie lassen sich Strukturen der Solidarität schaffen, wenn ein Kernkraftwerk explodiert? Am Ende des Abends beobachtet der Erzähler einen Hund, endlich kommt mal wieder ein Hund in die verseuchte Stadt. Doch das Tier wird erschossen. Dann stehen die Schauspieler vor einem Rahmen und schauen auf ein Video als sei es das Fenster zur Welt. Nein, dem Tüchtigen winkt kein schneller Lohn. Doch für den Faulen bleibt nur der Sarg, auch wenn die letzte Ruhestätte noch ganz hell und unschuldig aussieht.