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Das Wespennest

Friedrich Schiller: Don Karlos

StreamGestreamt am: Premiere: Theater: Schauspiel Köln
Regie: Jürgen Flimm   Foto: ClärchenHermann Baus   
Fotogalerie und weiterführende Informationen zur Inszenierung
Von Michael Laages am 19.12.2020

Ja, dieses Herrscherhaus ist ein Gefängnis. Als wären Tür und Tor des Bühnenraums verrammelt, müssen Akteurinnen und Akteure sämtlich immerzu anwesend bleiben in Jürgen Flimms Inszenierung von Schillers Polit- und Familien-Drama um „Don Karlos“. Im 80. Jahr (den runden Geburtstag feiert der Regisseur im kommenden Juli) setzt Flimm auf erstaunlich viel Pathos und Emotion – und bleibt auch zwei pausenlose Stunden (und mit reichlich spürbaren Strichen) beim Klassiker, wie er ihn versteht: als zwischenmenschlicher Hexenkessel, in dem die Getriebenen nie wirklich und offen sprechen können über das, was sie empfinden; und darum durchweg unerlöst dem Abgrund entgegen treiben.

Die Fabel hat bekanntlich Krimi-Qualitäten. Spaniens historischer Autokrat Philipp II. hat aus französischer Nachbarschaft ausgerechnet die Zweit-Frau erkoren, die zuvor schon mit Karlos liiert war, des Königs Sohn aus früherer Ehe; Elisabeth hat auch schon eine Tochter geboren – aber im Laufe der Intrigen beginnt der Herrscher sogar an der eigenen Vaterschaft zu zweifeln. Derweil pflegt der alternde Mann am Hofe aber auch noch die Liaison mit dem adligen Fräulein von Eboli. In dieses familiäre Wespennest, umschwirrt von tief intriganten Militärs und Vertretern des Klerus, sticht ein Fremder hinein, der ein Jugendfreund von Karlos ist: Roderich, Marquis von Posa, Mitglied des Malteser-Ordens, der in Madrid als Abgesandter aus Brüssel die Freiheits- und Unabhängigkeitsbestrebungen der spanischen Provinzen in Flandern und den Niederlanden befördern will. Beide Handlungsstränge verstricken sich unlösbar, alle verlieren, niemand gewinnt – nur die mörderische Inquisition im Finale.

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Dass Flimms Inszenierung im monströs breiten „Depot 1“ vom Kölner Schauspiel stattfindet, lassen die Fernsehkameras des WDR kaum ahnen; und nur wer genau hinschaut, entdeckt an den Rändern immer die Teile des Ensembles, die warten, bis er oder sie wieder zum Einsatz kommt; allein Königin Elisabeth sitzt, in Dauer-Lektüre vertieft, rechts vor einer der Säulenkonstruktionen, die den Bühnenraum von George Tsypin markieren. Zwischen sie sind halbbühnenhohe Figurinen gehängt, die als Projektionsflächen für allerlei Videos dienen: Regen, wenn’s später in der Aufführung regnet, Bürgerkriegsbataillone im Marschtritt, holländische Windmühlen, wenn von den Niederlanden die Rede ist. Sehr aufwendig ist das – und manches Detail auch Schnickschnack pur. Der Familienkampf (der ja in den „Gärten von Aranjuez“ beginnt, am Sommersitz also zwischen Blumen, Beeten und Rabatten) ist auf ein dunkles Sand-Geviert begrenzt; hier werden auch Pflanzen gesetzt, mit dem Rechen ordentliche Furchen gezogen und schließlich Gräber geschaufelt.

Die massivsten Bilder aber sind dem verzweifelnden Terror-Vater vorbehalten – wenn er in blankem Hass die Silhouette der Gemahlin (und gleich darauf auch die der Tochter) aus einem Bild herausschneidet. Alptraum? Vision? Auf das Bild der Tochter legt er gar an mit der Waffe, herzt und küsst dann aber die zersäbelte Leinwand. Das Bild der Gattin zieht er sich über den verwirrten Schädel – als wolle er sich in sie verwandeln. Hier wagt sich Flimms Inszenierung weit vor an die psychischen Abgründe der Macht.

Und in Bruno Cathomas hat er einen Philipp-Darsteller, der sich ganz gut auskennt mit dem Exzess, sich einzulassen versteht auf die Absonderlichkeiten der Rolle; und immer weit entfernt bleibt von jener gezähmten Gewalt des Machthabers, die Philipp-Interpretationen sonst oft auszeichnet. Oder eben einschränkt – Cathomas zeigt den kurzzeitig hin zu Güte und Empfindsamkeit verstörten Gewaltmenschen als offenes Buch mit ziemlich zerfetzten Seiten.

Auf Marek Harloff als Karlos wurde leider weniger Energie verwandt – wahrscheinlich hatte Herrscher Philipp lange kein derart kindliches, unreifes Gegenüber mehr. Der Junge greint und jammert und zetert, scheint vollkommen unfähig zu klarem, zielgerichtetem Denken und hat überhaupt kein Talent zu irgendeiner Art von strategischer Vernunft. Dieser Karlos ist tatsächlich nichts als Spielball für andere – den politischen Kopf Posa (Nicolas Lehni), der spät merkt, dass all seine Pläne mit diesem Freund von früher nur scheitern können; für die bei Flimm und Sophia Burtscher nicht sehr intrigant wirkende Prinzessin Eboli und sogar für die Zwangsmutter und Ex-Geliebte Elisabeth, die Melanie Kretschmann mit verzweifelnder Strenge ausstattet. Beide Frauen-Parts sind fein und seriös gezeichnet; vom Männer- zum Frauen-Stück wird diese Inszenierung aber auch durch sie nie.

Das Kölner Szene-Unikum Ralph Morgenstern agiert im Finale als angemessen fürchterlicher Ober-Inquisitor, und zwei extrem starke Figuren überzeugen schon bis dahin vom Rand her: Ines Marie Westernströer gibt dem Mönch-Spion Domingo giftig-gefährliche Energie, und Jörg Ratjen formt mit dem quasi quasimodohaften Machtfunktionär Alba ein minimalistisches Meisterstück. Solche Schranzen sorgen in allen Etagen der Welt für den Fortschritt in die Katastrophe.

Ist all das nun modern oder nur klassisch? Flimm setzt (wie auch früher schon) immer nur sanfte Zeichen für Gegenwart – es wird geraucht und Radio gehört; die Schusswaffen sind auch von heute; und die knallroten Uniformen am spanischen Hof erinnern ein bisschen an die Kostümparodien, mit denen seit Jahrhunderten die Karnevalsausstatter die Herrschenden lächerlich zu machen versuchten. Live-Musiker David Schwarz markiert derweil Atmosphären, lässt Wagner aufwallen, schreckt aber auch vor gefühligem Kitsch nicht zurück.

Noch einmal jedenfalls hat sich Jürgen Flimm, dieser ewige Spezialist für die familiäre Menschheits-Apokalypse und unvergessen in diesem Metier etwa mit Hebbels „Nibelungen“ oder Tschechows „Platonow“ vor ewigen Zeiten in Hamburg, in genau die Werkstatt begeben, in der er sich immer schon sehr gut auskannte. Es ist ein Vergnügen und ein Glück, ihn mit so viel Energie bei der Arbeit zu sehen.

Die Inszenierung ist als Video on Demand noch bis zum 18.12.2021 hier verfügbar.

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